FÜR den Leser, der sich mit einem Gebiet befreunden will, das nicht jedermanns Sache ist, nämlich der Geschichte Japans, auf dem exotischen Umweg über die japanische Kunst

Bradley Smith: "Japan – Geschichte und Kunst", mit Einführungen von Marius B. Jansen und Nagatake Asano, aus dem Englischen von Wolf-Dieter Bach; Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München; 295 S., 237 farbige Abb., 68,– DM.

ES ENTHÄLT in einem stattlichen Band mit hübschem Vorsatzpapier und originellem Einband, der an das Bastgeflecht eines Kulihutes erinnert, neben einer flüchtigen allgemeinen Skizze eine Darstellung der Geschichte Japans vom Direktor des Nationalmuseums, Tokio, umrahmt von den Bildern, in denen sich diese Entwicklung spiegelt; eine historische und eine kunstgeschichtliche Zeittafel vor jedem Kapitel; eine ziemlich karg geratene Bibliographie – und die Bilder, die Bilder. In Japan selbst gedruckt, wirken sie doch, von der Hand des Kommerzes berührt, einigermaßen vergröbert und entzaubert (es mag auch am Format liegen), aber noch immer voll jener Magie, die längst den Nimbus des Geheimnisvollen eingebüßt hat, nicht aber – zum Unterschied von der chinesischen Kunst, die umworben werden will – ihren entgegenkommenden Reiz.

ES GEFÄLLT als das Buch eines trefflichen Photographen, das es ist, vor allem durch die Bilder, denen ein bekömmlich anspruchsloser Text (in einer etwas ungelenken, nicht immer fehlerreinen Übersetzung) das Rückgrat stärkt. Diese Kunst hat einen gewissen Wasserhahncharme (jederzeit aufdrehbar), der Japan zum Österreich des Fernen Ostens macht, und selbst in den blutrünstigsten Sagenszenen, in den grimmigen Göttergesichtern, etwa der Weltenwächter, waltet eine Verspieltheit, die mitten im großen Sujet innezuhalten scheint, um sich in liebevoller Hingabe dem Detail, einem Kopftuch, einer Ranke, einer Sänftenstange zu widmen. Aber vielleicht wird gerade durch dieses scheinbare Mißverhältnis die japanische Bildkunst immer wieder zur Überraschung. Weit frappanter ist die Eindringlichkeit, mit der diese Publikation willkommenerweise die Begegnung und den Zusammenstoß der japanischen Kultur mit der westlichen seit der ersten Jesuitenmission im sechzehnten Jahrhundert vermittelt. Japans Kunst hat bei dieser Berührung nicht glücklich abgeschnitten; die "Südlichen Barbaren", die portugiesischen Kaufleute in ihren schwarzen Trachten und die stolzen ausländischen Kavaliere (immer doppelt so groß wie die Japaner) wirken nicht nur wie Karikaturen, sondern wie mißlungene Karikaturen, über denen die Szene nur mit Mühe ihren Zauber bewahrt. Mit dem Auftreten der Holländer (1600) nimmt die Darstellung manchmal geradezu etwas vom Fibelbild an, obwohl es auch da, wie noch lange danach, japanische Gesichter gibt, die von Toulouse-Lautrec sein könnten. Als schließlich nach 1850 die Amerikaner kamen und Japan Auslandsverträge schloß und Gesandtschaften errichtete, welkte die alte Kunst dahin. Hokusai, Kuniyoshi, Hiroshige waren tot, es kam keiner mehr nach; der Farbenholzschnitt übernahm die Rolle der "Gartenlaube". Und doch sind gerade diese Blätter aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts das Interessanteste, weil am wenigsten Bekannte, dieses Bandes. E. S.