Von Waldemar Bessern

Heinrich Fraenkel und Roger Manvell: Hermann Göring; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover; 402 Seiten, 29,80 DM.

Roger Manvell and Heinrich Fraenkel: Heinrich Himmler; William Heinemann Ltd. London 1965; 285 Seiten, 30 s.

Die Biographie war ein Lieblingskind des liberalen Zeitalters. Man entzückte sich daran, wie ein Individuum seine Talente entfaltete, wie es in Konflikt trat mit sich selbst und seiner Umwelt und wie es diese zu gestalten begann, um dadurch zur historischen Persönlichkeit zu werden. Die Biographen nationalsozialistischer Größen haben es schwer. Vom Entzücken am Individuellen kann hier keine Rede mehr sein, denn was sich zur Person ausbildete, gleicht eher der Ausbreitung von Ressentiments. Hitler hat dafür das Modell geliefert. Die nationalsozialistischen Führer waren in einer die Weltgeschichte umstürzenden Weise die Träger von Antikomplexen, durch die ihnen ein unbefangenes Verhältnis zur Wirklichkeit versagt war. Was aber die Führer vorlebten, kann als Symptom für den Faschismus als Ganzes gelten. Muß man ihn doch mit guten Gründen als die europäische Protestbewegung der Zwischenkriegszeit bezeichnen, die sich gegen den drohenden Substanzverlust Europas in der Welt und gegen die sich immer stärker durchsetzende industrielle Gesellschaft richtete.

Die beiden Engländer Fraenkel und Manvell haben schon früher eine Biographie des Dr. Josef Goebbels vorgelegt. Ihr schließt sich nun eine solche Hermann Görings an, die bereits ins Deutsche übertragen worden ist. Abgeschlossen wird die Trilogie durch ein Buch über Heinrich Himmler. Die Verfasser sehen Goebbels, Göring und Himmler als diejenigen Männer, die, jeder auf seine Weise, am meisten dazu beigetragen haben, das Hitlersche Imperium aufzubauen und zur Willkürherrschaft des einen Mannes zu machen. Sie waren im wahrsten Sinne Hitlers Adjutanten, und als solche werden sie hier geschildert.

Görings und Himmlers Lebensläufe sind des allgemeinen Interesses sicher. Für viele Hunderttausende, ja Millionen Menschen waren sie einst Abgötter, beispielhafte Inkarnationen des Politikers, umgeben von Jubel, Ruhm und Bewunderung. Um so tiefer war der Fall, als der wahre Charakter ihrer Herrschaft sich enthüllte und diese unter dem Protest einer ganzen Welt in sich zusammenstürzte. Göring und Himmler haben miteinander gemeinsam, daß sie keineswegs prädestiniert dafür schienen, einmal eine so große Macht über Millionen Menschen zu gewinnen. Beide kamen zwar nicht aus dem sozialen Untergrund, denn beide, gehörten Familien an, die nach den Maßstäben der Bürgerlichkeit durchaus respektabel zu nennen waren. Darin unterschieden sie sich deutlich von ihrem Vorbild Hitler, dessen obskure Herkunft eine der wesentlichsten Voraussetzungen seines Weltbilds gewesen ist. Es bedarf keiner Rechtfertigung für den, der sich um ein besseres Verständnis von Männern wie Göring und Himmler bemüht. Zuviel Blut und Tränen hängen an ihren Namen. Man möchte eher mehr als weniger Fragen an ihre Geschichte stellen, und der Biograph sieht ein weites Feld vor sich, nicht zuletzt deshalb, weil er auch mit Quellen reichlich versehen ist.

Unsere Autoren haben denn auch, wie bereits bei ihrer früheren Arbeit über Goebbels, das geleistet, was man von einem Biographen nationalsozialistischer Führer zunächst einmal erwarten muß. Sie gaben sich alle Mühe, die historischen Überreste zu sammeln und zu verwerten. Sie haben diejenigen intensiv gefragt, die einen persönlichen Kontakt zu Göring und Himmler besaßen, aus dem Kreis der Familie und der Jugendfreunde, aus dem Kreis derer, die durch Zufall oder dienstliches Geschick Himmler und Göring auch aus der Kammerdiener-Perspektive beobachten konnten. Nach der Materialseite hin bleibt kaum ein Wunsch offen. Die Darstellung liest sich leicht und stellt keine größeren gedanklichen Anforderungen an den Leser. Nur im Falle der Himmler-Biographie droht zuweilen angesichts der Fülle der Intrigen und Machtkämpfe um den Reichsführer SS und angesichts der komplizierten Details der Verwaltungsorganisation der Faden der Erzählung verlorenzugehen.