Der Bundestagswahlkampf wäre einigermaßen lustlos und langweilig verlaufen, hätten nicht Konrad Adenauer (siehe nebenstehenden Artikel) und Walter Ulbricht für Überraschungen gesorgt. Nach wochenlangem Geplänkel der Passierschein-Unterhändler Korber und Kohl verzichtete Ostberlin vorige Woche plötzlich auf politische Vorbedingungen für ein neues Abkommen und bot überraschend eine Passierscheinregelung an, die allerdings nur bis Weihnachten gelten sollte.

Der Berliner Senat, eingedenk der Brandt-Devise "Kleine Schritte sind besser als keine", wollte sofort unterzeichnen, sich zuvor jedoch des Bonner Einverständnisses versichern. Das Ja der Bundesregierung wurde als sicher vorausgesetzt, denn

  • Vizekanzler Mende hatte bereits erklärt, ein Spatz in der Hand sei besser als die Taube auf dem Dach, und
  • Bundeskanzler Erhard hatte – so behauptetet jedenfalls die SPD – schon angekündigt, er werde das Abkommen am Mittwoch unterzeichnen.

Sowohl der Senat als auch die FDP wurden stutzig, als der neue Ostberliner Vorschlag schon vor der Kabinettssitzung in der Presse veröffentlicht wurde. Entrüstet wiesen die Berliner CDU-Minister Krone und Lemmer den Verdacht von sich, sie hätten durch eine Indiskretion die Verhandlungen torpedieren wollen.

Überraschend beschloß dann aber das Bundeskabinett einstimmig, den Ostberliner Vorschlag abzulehnen, weil die üblichen Besuchsfristen für die kirchlichen Feiertage im Herbst fehlten, Oster- und Pfingstbesuche nicht vorgesehen und eine Verlängerungsklausel nicht aufgeführt waren.

Im Nu geriet das Passierschein-Thema in den Sog des Wahlkampfes, Der regierende Berliner Bürgermeister und SPD-Vorsitzende beklagte den Bonner Beschluß. Die Situation des geteilten Deutschland gestatte es nicht, "daß wir unter einer Fülle schöner Möglichkeiten die schönsten aussuchen". Warnend fügte Brandt hinzu, der Berliner Senat sei "keine nachgeordnete Behörde der Bundesregierung".

Doch schließlich behielten die Bundestreuen des Berliner Bürgermeisters doch die Oberhand. Brandt akzeptierte eine Einladung Bundeskanzler Erhards zu einem klärenden Gespräch, während Senatsrat Korber aufs Neue mit Staatssekretär Kohl verhandelte.

Als sich die Parteien eben geeinigt hatten, das brisante Thema im Wahlkampf nicht noch mehr hochzuspielen, wurde als Ergebnis einer Meinungsumfrage bekannt, daß die Wähler in der Bundesrepublik starkes Interesse für die Passierschein frage zeigen. Bei den Bürgern unter 29 Jahren sind es sogar 90 Prozent.