Kultusminister Ludwig Hubers Kursänderung um 179 Grad

Von Hildegard Hamm-Brücher

Auf meiner Reise durch die pädagogischen Provinzen der Bundesrepublik habe ich immer wieder erfahren, daß es vor allem anderen eine tüchtige Portion Mut erfordert, um eine moderne bildungspolitische Konzeption gegen die Bastionen eingefrorener Traditionen, Ideologien und Standardvorstellungen durchzusetzen.

In Bayern ist das anders. Da nützt auch der edelste Mut eines Mannes wie Waldemar von Knoeringen nichts, da überzeugen nicht die stärksten Argumente, da garantiert nicht einmal eine Parlamentsmehrheit kulturpolitischen Erfolg – wie die große Anti-CSU-Viererkoalition von 1953 bis 1957 bewiesen hat. In Bayern braucht man Macht und Mächte. Alles andere irrlichtert außerhalb der Realität."

Nur wer Macht besitzt und Mächte hinter sich weiß, vermag kulturpolitisch etwas zu erreichen. Er kann sogar das Schulwesen zerschlagen, wie es der damalige Kultusminister Alois Hundhammer Ende der vierziger Jahre – mit messianischem Eifer sogar dem Willen der Besatzungsmacht trotzend – durch sein Schulorganisationsgesetz besorgte. (Es konstituiert nicht nur eine strenge konfessionelle Trennung der bayerischen Volksschulen, es garantiert jedem, auch dem kleinsten Dorf, seine eigene Schule – mit der Folge, daß sich die Zahl der ein- und zweiklassigen Schulen in Bayern seit Kriegsende verdreifacht hat.) Wer Macht hat, der kann es aber auch wieder zusammenflicken, wozu nun, beinahe zwanzig Jahre später, der junge und schier allmächtige Kultusminister Ludwig Huber, Fraktionsvorsitzender der CSU und stellvertretender Landesvorsitzender, mit nicht minder messianischem Eifer entschlossen ist.

Weshalb diese kulturpolitisch bemerkenswerte Kursänderung um 179 Grad? Es gibt hierzulande nicht wenige Leute, und beileibe nicht nur in der Opposition, die laut oder leise fragen (zunehmend leise!), weshalb denn der Minister Huber all das, was er nun mit so viel Elan und von Beifall umbraust ankündigt, nicht bereits in früheren Jahren als Fraktionsvorsitzender gefordert, gefördert oder doch wenigstens geduldet hat, wozu er ohne Zweifel als "kommender Mann" um so eher jede Möglichkeit gehabt hätte, als sich der damalige Kultusminister Professor Maunz noch immer und in allen polnischen Wechselfällen mit ängstlicher Genauigkeit an jeden, auch an den kleinsten Fingerzeig der Mächtigen gehalten hat. Warum also?

Das alles ist nach Bayernart recht kompliziert, und es gibt viel Rätselraten. Da sind CSU-Partei-Interna und Rivalitäten ebenso im Spiel wie die Überlegung, wo sich das Sprungbrett für einen künftigen Ministerpräsidenten am vorteilhaftesten aufbauen läßt. Auch mag der nach dem Sturz von Minister Maunz die CSU einigende Rütli-Schwur eine Rolle spielen, der verhaßten Opposition, die noch allen bayerischen Kultusministern, wie es der Kommentator des Bayerischen Rundfunks einmal formulierte, "zum Hauskreuz" wurde, den Wind aus den Segeln zu nehmen, "bis ihr die Luft ausgeht".