Es bedurfte einiger provokativer Anfragen in der schweizerischen Presse, bevor sich die Raffineries du Rhone S.A. Anfang August zu dem Eingeständnis bereit fand, sie gedenke bis Ende 1972 etwa sieben Millionen Tonnen russisches Erdöl einzuführen. Im Walliser Rhonetal betreibt das Unternehmen in Aigle/Collombey eine Raffinerie, deren Geschäftsgang seit ihrem Anlaufen Ende 1963 äußerst prekär war.

In der Schweiz hat diese Nachricht einigen Wirbel verursacht, der in besorgten Pressekommentaren seinen Niederschlag fand. Daß von einem "Hasardspiel mit der Schweizer Energieversorgung" die Rede war, ist noch eine der zurückhaltendsten Äußerungen. Doch auch in den Direktionsetagen der internationalen Ölkonzerne muß dieser Vertrag Besorgnis erweckt haben. Ist es doch der größte Einbruch roten Öls nach Westen seit dem Sowjetgeschäft des inzwischen verstorbenen italienischen Ölkönigs Enrico Mattei.

In seinem 1958 erschienenen Dokumentarband "Öl regiert die Welt" hatte Joachim Joesten bereits geschrieben, es gebe nur eine Macht, die der "Herrschaft der Öl-Manager" gefährlich werden könnte: die Sowjetunion. Damals hatten die Russen gerade begonnen, nennenswerte Mengen Rohöl in den Westen zu exportieren.

Wie recht Joesten haben sollte, zeigte sich bald: Bereits 1962 erreichten die russischen Rohölverschiffungen nach westlichen Ländern einen Stand von 575 000 Faß pro Tag. Das entsprach nicht weniger als neun Prozent der gesamten mittelöstlichen Rohölförderung – ein Alarmzeichen für die internationalen Erdölkonzerne.

Dabei hatten diese Konzerne schon andere Sorgen. Teilten sich die "sieben Großen" – Standard Oil of New Jersey, Royal DutchShell, Gulf, Texaco, BP, Socony Mobil Oil und Standard Oil of California – noch in den frühen fünfziger Jahren in einen Marktanteil von 90 Prozent, so beherrschter! sievor drei Jahren nur noch rund 70 Prozent. Heute dürften es nochmals weniger sein.

Zahlreiche unabhängige Rohölverarbeiter und -Verteiler sind inzwischen auf den Plan getreten und haben scharfe Konkurrenz in den früher eindeutig oligopolistischen Markt hineingetragen. Diese unabhängigen Gesellschaften hatten ihr Rohöl anfangs zu billigen "Discount"-Preisen aus der Überschußförderung der großen Konzerne bezogen, was sie in die Lage versetzte, an Verarbeitung und Verteilung recht massiv zu verdienen. So massiv in der Tat, daß man sich beispielsweise von der belgischen Petrofina erzählt, sie sei indirekt von den "Großen" finanziert worden, da diese das Rohöl so günstig geliefert hätten, daß die Belgier aus der entstehenden Gewinnspanne ihre Expansion hätten bestreiten können. Mit anderen Worten: Die Jäger hatten den Wilderern die Munition geliefert, damit sie sich in ihren Jagdgründen tummeln konnten ...

Diese Zeiten sind vorbei. Als die Russen in den späten fünfziger Jahren ihre Exporte anzukurbeln und die westlichen "Unabhängigen" mit Rohöl zu beliefern begannen, blieben Preise und Gewinne zwar noch eine Zeitlang hoch. Doch im zweiten Halbjahr 1963 und erst recht nach dem milden Winter 1963/64 kamen die Preise für Erdölprodukte plötzlich ins Gleiten, und etliche neu erstellte "freie" Raffinerien, die sich ihre Rohölbezüge in langfristigen Verträgen zu mehr oder weniger fixen Preisen gesichert hatten, gerieten in arge Bedrängnis. Böse Zungen wollten gleich wissen, die über ganz Europa sich ausdehnende Preis-Baisse stelle die Rache der Konzerne gegenüber den Neueindringlingen dar.