Von Klaus Bölling

Der König wünscht ihn weit weg. Am besten über den Atlantik. Von dort ist er gekommen, und dort würde ihn der Palast am liebsten heute noch sehen. Andreas Papandreou, Professor für Nationalökonomie, ehedem Dozent in Harvard, später ordentlicher Professor und Dekan an der kalifornischen Berkeley-Universität, scheint mittlerweile jedes Interesse an Studierstube und Hörsaal verloren zu haben. Vor den Kameras der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC sagte er eben: "Wenn König Konstantin seine Zuflucht zu einem Militärregime nehmen sollte, wären die Folgen katastrophal. Wir haben immer die Freiheit und die nationale Würde gewählt. Wir sind bereit, Gewalt zu riskieren."

Die Angst vor einer Militärdiktatur ist bei Andreas Papandreou nicht gespielt. Noch nicht Primaner, focht er schon gegen den Diktator Metaxas und bezahlte seinen Mut mit Gefängnishaft und Prügel. In jenen Tagen, als Griechenland eine kryptofaschistische Herrschaft ertragen mußte, schloß der junge Papandreou Freundschaft mit Männern, denen es damals genau wie ihm um den Sturz des Diktators ging und die heute in den Reihen der prokommunistischen EDA stehen. So könnte es scheinen, daß Andreas Papandreou genau dem Bild eines politisierenden "Eierkopfes" entspricht, eines Intellektuellen, den nach Jahren nur kontemplativer Beschäftigung mit der Politik ganz plötzlich die Lust überkommt, die Macht auch zu gebrauchen, und der sich den Gefährten seiner Sturm- und Drangzeit aus sentimentalen Gründen zur Treue verpflichtet fühlt. Nur wäre dieses Bild eher eine Karikatur.

Andreas Papandreou, ein ungewöhnlicher Kopf, der sich stets ohne falsche Bescheidenheit darzustellen verstand, ist keineswegs so feinnervig oder von des Gedankens Blässe angekränkelt, wie das Klischee es will. Nicht unkokett hat er sich selber "eine harte Nuß" genannt und dabei gewußt, daß das im Amerikanischen auch die Neigung meint, gewisse Dinge zu tun, die nicht unbedingt dem von Kardinal Newman definierten Ideal des Gentleman entsprechen.

Seinen amerikanischen Paß hat Andreas Papandreou nach zwanzig Jahren gelehrter Tätigkeit in den Vereinigten Staaten bei der Heimkehr in das Land des Vaters zurückgegeben. Er war ein guter Amerikaner. Keiner der mit dem Amerika des "big Business" hadernden Professoren, schon gar nicht ein heimatloser Linker. Er ist in jeder Hinsicht ein ordentlicher Professor gewesen, hat ein Mädchen aus Illinois geheiratet und galt unter Freunden und Fachkollegen als hochbegabter Wirtschaftswissenschaftler der liberalen Schule von allgemein bewunderter "efficiency".

Anfang der sechziger Jahre, kurz vor der Rückkehr aus der Neuen Welt, entwarf er in einem vielbeachteten Buch eine "Strategie für die Entwicklung der griechischen Wirtschaft". Das war ein ebenso kluges wie entschiedenes Plädoyer für eine freie Marktwirtschaft, gegen die Bevormundung der Wirtschaft durch den Staat, für eine Modernisierung des Landes und die Ausschöpfung ungenutzter Kraftreserven, gegen künstlich hochgehaltene Zölle und eine durch den griechischen Schlendrian verschuldete Arbeitslosigkeit. Seine Ideen waren sehr amerikanisch und entzückten weniger die linken Jugendfreunde als das liberale Bürgertum.

Als er von pazifischen zu ägäischen Gestaden heimkehrte, müssen sich in Andreas Papandreou Wandlungen vollzogen haben. Nicht bloß im positiven Sinn war das Vater-Sohn-Verhältnis spannungsreich. Der das Griechenvolk mit seiner Rednerkunst verzaubernde Vater mag dem Sohn manchesmal reichlich hausbacken vorgekommen sein. Andreas, obgleich er sich nach Kräften bemühte, einen durch die lange Zeit in der Fremde ungebrochenen Patriotismus zu zeigen, war und blieb für viele seiner Landsleute noch immer der "Amerikaner".