Charles Lincoln: Auf Befehl der Militärregierung. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans und Elsbeth Herlin; Moderne Verlags GmbH, München; 293 Seiten, 19,80 DM.

Dr. Haspel, bis 1945 Vorstandsvorsitzer von Mercedes-Benz, solle zehn Jahre als gewohnlicher Arbeiter in seinem Werk arbeiten, er dürfe niemals mehr Vorstandsvorsitzer werden, er habe seinen Pensionsanspruch verloren und auch seine Frau solle nach seinem Tode keine Witwenpension bekommen – so lautete der Befehl des Generals Clay an den "Chef der Entnazifizierung", Major Charles Lincoln: die Frau des ehemaligen Vorstandsvorsitzers Dr. Haspel, aus einer jüdischen Familie stammend, hatte seit Verkündung der sogenannten "Rassegesetze" im Jahre 1937 täglich mit ihrem Abtransport ins KZ rechnen können.

Der absurde und ungerechte Befehl des amerikanischen Hauptquartiers war Ergebnis einer Intrige, die Major Lincoln aufdeckt, wobei er sich bei Übernahme eines erheblichen Risikos gegen seinen höchsten Dienstvorgesetzten stellt, die Entlastung Dr. Haspels aus Gründen der Fairneß durchsetzt und den Weg für eine Rehabilitation freimacht. Zu seiner Verblüffung bedankt sich Dr. Haspel am Tage der Entlastung nicht bei ihm, sondern erwartet im Gegenteil Major Lincolns Glückwunsch.

Dies ist eine der zahllosen pointierten Geschichten, jede einzelne ein Film für sich, in den Einzelheiten oft unglaubwürdig wie eine Hollywoodstory, aber jeweils nachprüfbar und kaum zu bezweifeln: die wahren Ursachen für die Bombardierung Bayreuths, die nahezu "kriegerischen Zwischenfälle", die sich bei der Besetzung Stuttgarts zwischen den Divisionen des französischen Generals Guilleaume und der 100. amerikanischen Division des Generals "Pinkie" Burress ergaben, die Einsetzung des Dr. Klett als Bürgermeister von Stuttgart, der Selbstmord der ehemaligen Geheimagentin Stella Davidson, die sich aus Liebe zu Major Lincoln umbringt, und nicht zuletzt die Begegnung mit einer deutschen Offizierstochter, in deren Villa sich Lincoln einquartiert und die er zur Erleichterung des Lesers schließlich für sich gewinnt, nachdem die reichlich unsympathische Ehefrau, aus den Vereinigten Staaten herübergereist, ihren Mann verlassen hat – dies alles reiht sich zwanglos aneinander und ergibt das Porträt eines charakterfesten, praktisch denkenden und überaus energischen Mannes, den man als Gegenstück zum "häßlichen Amerikaner" bezeichnen möchte – übrigens nicht nur im übertragenen Sinne. Major Lincoln ist ohne Zweifel ein gut aussehender Mann, und da er in den Anfangsjahren des Stummfilms zu den Leinwandstars in Deutschland gehörte, kann seine Wirkung nicht allein auf die hochdekorierte Uniform zurückzuführen sein.

Der gebürtige Amerikaner meldete sich bei Kriegsbeginn zur Royal Air Force, flog für die amerikanische Luftwaffe und wurde beim Angriff auf Schweinfurt verwundet. Beim Einmarsch in Deutschland wurde er Verbindungsoffizier zur französischen 3. Algerischen Division, später Stadtkommandant von Stuttgart, das allen Anlaß hätte, eine Straße nach ihm zu benennen, später Chef der Entnazifizierung, Nachrichtenoffizier beim RIAS Berlin und Distriktsgouverneur von Oberfranken.

Durch die Erinnerungen des Majors Lincoln zieht sich ein roter Faden, seine Antipathie getreu General Clay, mit außerordentlicher Deutlichkeit und immer neuem Ingrimm formuliert, insbesondere, was die von Clay organisierte "Entnazifizierung" angeht: daß nur 1635 beschuldigte Nazis bei rund 600 000 Verfahren und rund 13 Millionen nach dem Gesetz Betroffener als Hauptschuldige eingestuft worden sind, will nicht in des Majors Kopf und erscheint ihm als Farce. Man möchte annehmen, daß Charles Lincoln im Stummfilm den Siegfried verkörpert hat, der den Drachen erledigt, auf jeden Fall aber jedes Schurken Feind war.

Der Bericht beginnt und endet mit einer Idylle, dazwischen liegt ein Stück Zeitgeschichte, so amüsant serviert, daß man meinen könnte, es sei damals wirklich recht lustig gewesen. Dem Hauptdarsteller dieses Films aus Württemberg jedenfalls gehört unsere Sympathie, und man versucht, sich vorzustellen, wie die Erinnerungen deutscher Ortskommandanten aussehen würden, gerade wenn es sympathische Deutsche waren – aber das ist ein anderes Kapitel.

Hannsferdinand Döbler