Le patron arrive – Der Chef kommt, sagt eine Stimme am Telephon. Henri, der Portier im 3. Stock eines altbürgerlichen Gebäudes in der Rue Pierre Charron, nicht weit von den Champs Elysées, nimmt Haltung an und öffnet alle Türen, die bis zum Arbeitszimmer von Jean Prouvost, dem Verleger von Paris Match führen. Wenige Minuten später trifft Jean Prouvost energischen Schritts ein. Henri folgt ihm respektvoll und schließt alle Türen wieder. Die Zeremonie ist zu Ende, und alle bei Paris Match wissen jetzt, daß der "Patron" hinter seinem Ludwig XVI. Schreibtisch sitzt.

Von hier aus regiert Jean Prouvost zwei Imperien: die Presse und die Wolle. Seine Webereien in Roubaix gehören zu den modernsten Europas und seine Erzeugnisse verkaufen sich in der ganzen Welt. Aber sein liebstes Kind bleibt die Presse.

Sein Vater hatte ihn für die Leitung des Textilunternehmens in Nordfrankreich bestimmt und entsprechend darauf vorbereitet. Jean sollte zuerst in England und dann in Amerika das Textilgeschäft erlernen; statt dessen geriet er in den Bann des Pressewesens. Begeistert erzählte er seinem Freund Loucheur, Minister im Kabinett Clemenceau, wie er sich die moderne Presse auch in Frankreich vorstelle. Der Freund lobte ihn daraufhin wiederum beim Präsidenten, der sich damals – im Jahre 1917 – mit einem allgemeinen Defaitismus in der französischen Presse herumschlagen mußte. Eine dieser Zeitungen Le Pays machte Clemenceau besondere Sorgen. "Fragen Sie mal Ihren Freund, ob er diese Zeitung kaufen und sie torpedieren kann ..."

Jean Prouvost tat, was man von ihm erwartete. Sieben Jahre später zahlte sich diese Aktion aus. "Für einen Apfel und ein Ei können Sie das Finanzblatt ‚Paris Midi‘ haben", ließ Clemenceau ihm bestellen. Die Zeitung, die am Anfang eine Auflage von 5000 hatte, druckte sehr schnell 100 000 Exemplare. Prouvost wurde sicherer und ein paar Jahre später kaufte er die Zeitung Paris Soir.

Im Jahre 1933 lag die Auflage dieser Zeitung, die im Gegensatz zur übrigen Pariser Presse als Abendblatt erschien, bei 100 000 Stück, innerhalb von fünf Jahren stieg sie auf zwei Millionen. Paris Soir war die größte Tageszeitung Frankreichs, deren Auflage auch heute von dem Massenblatt France Soir noch lange nicht erreicht wird. Prouvost druckte nicht nur die größte, sondern auch die modernste Zeitung Europas. Er wollte seine Leser nicht nur durch das Wort informieren, als einer der ersten erkannte er den Wert – und Anreiz – der Unterrichtung und Unterhaltung durch das Bild.

Paris-Soir verschwand mit dem Krieg ebenso wie die Wochenausgabe Paris-Soir Dimanche mit einer Auflage von 1,4 Millionen. Nach dem Krieg wurde aus Paris Soir der France Soir, das größte Massenblatt in Frankreich. Allerdings gehört France Soir nicht mehr Prouvost, sondern dem Verlagshaus Hachette.

Prouvost ist heute zusammen mit Ferdinand Beghin Besitzer der größten französischen Illustrierten Paris Match und dem schon vor dem Krieg gegründeten Magazin Marie Ciaire, einer Frauenzeitschrift, die alle vierzehn Tage erscheint, mit einer Auflage von einer Million.