Bonn, im August

Seit Freitag vergangener Woche sind die Straßen mit Wahlplakaten überschwemmt, die Fernsehsendungen der Parteien haben begonnen. Die Endphase des Wahlkampfes hat eingesetzt. In den Bonner Parteizentralen regieren die Wahlstrategen wie Feldherren, und die Sekretärinnen zählen die Tage bis zum 19. September.

Die Planung für die Schlußphase ist minutiös festgelegt. "Im Grunde ist jetzt schon alles gelaufen", sagt einer der Wahlhelfer. "Was wir jetzt tun, verändert die Situation nicht mehr wesentlich. Wir machen nur noch Betrieb für den Eigenbedarf."

Richtig daran ist, daß sich jetzt, knapp vier Wochen vor der Wahl, an der Wahlstrategie nichts mehr ändern läßt. In der Endphase geht es nicht mehr darum, neue Wählerschichten zu erschließen, Bürger zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Die Wahlpropaganda vermag jetzt nur noch Entscheidungshilfen zu geben – Hilfen zu Entscheidungen, die sich schon in den zurückliegenden Monaten und Jahren angebahnt haben. Nur solche Früchte können vom Baum der politischen Erkenntnis geschüttelt werden, die schon lange zuvor gereift sind.

Um so erstaunlicher ist es, daß die Voraussagen für den 19. September so weit auseinanderklaffen. Die FDP fürchtet ernsthaft, daß die Union nahe an die absolute Mehrheit der Mandate herankommt. "Die Frage heißt nicht mehr: Wer wird die stärkste Partei, die CDU/CSU oder die SPD?", sagte ein besorgter FDP-Mann, "sondern: Erreicht die Union die absolute Mehrheit oder nicht?"

Geht man davon aus, daß die kleinen Parteien, die nicht in den Bundestag kommen, zusammen etwa fünf Prozent der Stimmen erhalten, so werden bei der Mandatsberechnung nur die 95 Prozent der Stimmen gewertet, die auf die großen Parteien entfallen. Erhielte die Union davon mehr als die Hälfte (also mehr als 47,5 Prozent der Gesamtstimmen), so hätte sie im Bundestag die absolute Mehrheit der Mandate. Zwar stecken in dieser Rechnung einige Ungenauigkeiten, doch ist immerhin soviel sicher: Falls die Union, wie ihre Wahlstrategen prophezeien und wie die FDP befürchtet, in der Endabrechnung bei 47 Prozent liegt, dann fehlen ihr höchstens ein paar Sitze zur absoluten Mehrheit.

Die SPD freilich hält diese Voraussage für grundfalsch. Vorsichtige Sozialdemokraten erwarten am 19. September ein Photo-finish und gestehen der Union allenfalls einen minimalen Vorsprung zu. Optimisten in der Partei glauben noch immer, daß die SPD nach den Wahlen als stärkste Partei in den Bundestag einziehen wird.