Von Roman Braun

Dmitrij S. Mirskijs "Geschichte der russischen Literatur" schließt mit der Revolution, Johannes Holthusens "Russische Gegenwartsliteratur" reicht in ihrem ersten Band nur bis 1940; Gleb Struves "Geschichte der Sowjetliteratur" behandelt zwar noch die ersten vier Jahre nach Stalins Tod, schließt aber praktisch mit Beginn des "Tauwetters". Fürs weitere war man auf die Feuilletons von Tageszeitungen, auf Reise- und Korrespondentenberichte angewiesen. Es fehlte das Werk, in dem man sich sachlich und zuverlässig über Stand und Entwicklung der neuesten sowjetischen Literatur informieren konnte.

Will man einem Klappentext glauben, so ist dieses Werk jetzt erschienen

Helen von Ssachno: "Der Aufstand der Person" – Sowjetliteratur der Gegenwart (seit Stalins Tod); Argon Verlag, Berlin; 396 S., 21,80 DM.

Es hätte erscheinen können. Die Autorin, durch ihre Kommentare in der Süddeutschen Zeitung als hinreichend qualifiziert ausgewiesen, hätte dieses Buch schreiben können. Frau von Ssachno ist eine hervorragende Kennerin der Materie, genauer: der jeweils neuesten literaturpolitischen Situation in der UdSSR, und was sie an faktischem Material zusammengetragen hat, ist viel, ist im einzelnen und sachlich sicher richtig, nur – das allein macht noch kein gutes Buch über Literatur (wie klein auch immer man die Literatur in den Untertitel schreibt, um sie geht es ja).

Wer "die Zusammenhänge der Literatur mit der Kulturpolitik und Geistesgeschichte sowie der gesellschaftlichen Situation zu ermitteln" sucht, nimmt sich einiges vor; vor allem aber läuft er Gefahr, über aller Kulturpolitik (deren Wichtigkeit niemand in Abrede stellt) die Literatur, von der er ausgeht, zu vernachlässigen. Was man im allgemeinen den sowjetischen Kritikern zum Vorwurf macht, geschieht mit umgekehrtem Vorzeichen in ihrem Buch: Die Literatur wird betrachtet als gesellschaftlich-politische Dokumentation, Literatur als Reflex, als Mittel der Meinungsäußerung, das literarische Kunstwerk als Funktion der Irrungen und Wirrungen von Autor und Gesellschaft.

Fraglich bleibt, ob dieses Thermometer Literatur wirklich so zuverlässig funktioniert. Fraglich besonders deswegen, weil diese neunzehn Essays literarischer Weltanschauungssoziologie ohne eigentlich soziologische Methode entstanden sind. So vermißt man Mitteilungen etwa über Höhe und Anzahl von Auflagen, Abonnentenziffern, Zuhörermengen, Informationen über Funktionieren und Funktion der Schriftstellerverbände, über deren Statuten; Übersetzungen westlicher Autoren ins Russische werden kaum erwähnt, Stellung und Ansehen der Lyrik beim sowjetischen Publikum, etwa die Lyriklesungen in Sportpalästen und Stadtparks – all das wären interessante Fragen für einen Soziologen. Frau von Ssachno verzichtet jedoch aufs Elementare, was die soziologische Seite ihres Buches betrifft, ebenso wie auf das Literarische der Literatur, zugunsten ihrer weltanschaulichen Aspekte.