Sieht es nicht so aus, als sei sie zurückgekehrt: die musa expressionistica, um den Ausdruck eines ihrer Jünger von damals, des Alfred Richard Meyer, zu gebrauchen? Für die jüngere deutsche Germanistik entstand ein Lieblingsthema. Richard Brinkmanns ausführlicher Forschungsbericht über die einschlägige Sekundärliteratur – zuerst erschienen in zwei Heften (1959 und 1960) der "Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte", dann 1961 als Sonderdruck publiziert – wurde längst durch eine Brandung der neueren Sekundärliteratur weggespült. Man promoviert mit Vorliebe über Gestalten und Themen jener Epoche zwischen – etwa – 1910 und 1924. Ist das aber wirkliche Renaissance, oder präsentiert sich die einstige Muse der Künstler, Literaten und Rebellen neuerdings im Ornat einer Muse der Philologen?

Zu den deutschen Schriftstellern von heute jedenfalls unterhält sie nicht besonders enge Beziehungen. Der letzte von ihr tief inspirierte Dichter war Wolfgang Borchert. Noch einmal, in der Substanz wie der Form seiner Literatur, ein Nachzügler der literarischen Menschheitsdämmerung. Daß dabei mehr zustande kam als Epigonik, hing wohl auch mit Analogien zur Situation von damals zusammen: zu Krieg und Nachkrieg. Seitdem aber?

Natürlich bleibt trotzdem die Fernwirkung und indirekte Aktivität der expressionistischen Literaturrevolte immer wieder an Einzelheiten neuerer Literatur evident. Aber es entsteht dabei nicht mehr expressionistische Literatur eines reinen Typus, wie noch bei Borchert. Auf dem großen Florentiner Kongreß über Probleme des Expressionismus im Mai 1964 bemerkte Karl Ludwig Schneider – einer der besten Sachkenner, dem man die authentische Ausgabe der Werke und Fragmente Georg Heyms zu danken hat –, es bleibe eigentlich belanglos, immer wieder in der modernen Literatur bloß nach einzelnen Stilmerkmalen expressionistischer Prägung zu suchen. Viel wichtiger sei es, den Gesamtwirkungen nachzugehen, um beispielsweise zu ermessen, daß sich seit den Expressionisten unsere Vorstellung von dem, was ein Gedicht sein könne und was nicht, von Grund auf gewandelt habe.

Diese Fragestellung ist in der Tat wichtiger als die allmählich steril werdende Repetition einzelner Stilmerkmale wie Parataxe, additive Reihung, Stationendramatik. Ebenso aber, das hat sich inzwischen gleichfalls herausgestellt, landet man in der Sackgasse, will man die Analyse dessen, was der Expressionismus gewesen sein könnte, auf ein sorgfältiges und vergleichendes Studium der verschiedenen Thesen, Schulen und Manifeste gründen. Sogar Georg Lukács scheiterte, als er vor mehr als dreißig Jahren (1934) seine – negative – Bewertung von "Größe und Verfall" des Expressionismus im wesentlichen durch Zitate aus den Theorien und Kampfrufen zu belegen suchte. Er glaubte die Lösung darin zu sehen, daß er den Expressionismus als ideologischen Überbau der "Unabhängigen Sozialdemokraten" (USP) definierte. Lukács meinte: "Die ideologische Aushöhlung des Begriffs der Revolution – ‚reiner‘ Kapitalismus, ‚reine‘ sozialistische Revolution – steht im engsten Zusammenhang mit der rechten und linken opportunistischen Politik. Die vollkommene Entleerung des Begriffes Revolution bei den Expressionisten ist freilich die extremste Steigerung dieser Bestrebungen, bei der verschiedene politische Schattierungen sich eklektisch vermischen können."

Allein gerade die zweite Nachkriegszeit bewies, daß der Expressionismus, wie immer man ihn bewerten mag, weit über eine solche – mögliche – Ursprungssituation hinauszuwachsen vermochte. Wenn er etwa in Mexiko oder Südamerika, aber auch noch im heutigen Polen oder Jugoslawien, fruchtbare Impulse auszulösen vermochte, so offenbar ohne einsehbaren Zusammenhang mit deutschen politischen Situationen um 1920. Ganz abgesehen davon, daß die Forschung insofern ein recht solides wissenschaftliches Ergebnis aufzuweisen vermag, als sie die expressionistischen Anfänge, im Gegensatz zu Lukács, keineswegs auf die erste Kriegs- und Nachkriegszeit zurückführt, sondern schon viel früher im Jahrhundert beginnen läßt. Das Jahr 1910 weist in der Literatur (ganz zu schweigen von Musik und bildender Kunst) bereits einen ersten expressionistischen Kulminationspunkt auf.

Natürlich war es dennoch sehr nützlich, wenn vor einigen Jahren die wichtigsten Manifeste und Thesen des Expressionismus zusammengestellt wurden. Paul Raabe unternahm es in einem Sammelband "Expressionismus – der Kampf um eine literarische Bewegung", der inzwischen auch als Taschenbuch erneut vorgelegt würde.

Raabe ist ein ausgezeichneter Philologe aus der Schule von Hans Pyritz. Ihm weitgehend bleibt die inzwischen berühmt und fast legendär gewordene Marbacher Expressionisten-Ausstellung zu danken. Als Mitarbeiter des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum zu Marbach hat er ein einzigartiges Material an Handschriften, Zeitschriften und Zeitdokumenten zur Verfügung. Das erschließt er nach und nach. Seiner Anthologie der Manifeste und Traktate ließ er 1964 ein bibliographisches Handbuch über die "Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expressionismus" folgen, wodurch abermals nicht nur viel unbekanntes Material "auferstand", sondern auch die merkwürdigsten literarischen und personalen Querverbindungen sichtbar wurden. Wer beispielsweise hätte vermutet, daß die beiden von Alfred Wolfenstein unter dem Titel "Die Erhebung" (1919 und 1920) herausgegebenen Jahrbücher in friedlichem Nebeneinander folgende Autoren präsentierten: Johannes R. Becher und Ernst Bloch, Arnolt Bronnen und Martin Buber, Döblin und Loerke, Alfred Kurella und Hermann Scherchen, Rilke und Gustav Landauer, Wilhelm Hausenstein und Ludwig Berger? Wobei trotzdem, jenseits aller expressionistischen Ästhetik und Stilistik, von einer gemeinsamen Grundposition gesprochen werden konnte.