Rom, im August

Weniger als ein Monat trennt uns vom Wiederbeginn des Vatikanischen Konzils. Der Papst hat vor kurzem an seinem Namenstag, der mit der zweiten Wiederkehr seiner Krönung zusammenfällt, vor den Kardinälen aufs neue den Wunsch nach einem baldigen Abschluß dieser Kirchen Versammlung kundgetan:

"Wir bereiten eifrig die vierte und letzte Sitzungsperiode des Konzils vor. Während dieser Session wird man einige Entwürfe von Dekreten ganz neu diskutieren, andere nochmals überprüfen müssen. Das Konzil wird hoffentlich über die ihm vorgelegten Entwürfe endgültige Beschlüsse fassen. Damit werden jedoch nicht alle Probleme gelöst sein, die das Leben der Kirche betreffen. Das Konzil selbst wirft neue und große Fragen auf, die wir respektvoll aufgreifen und zu lösen versuchen – nicht ohne die Hilfe und den Ratschlag der Bischöfe. Jeder von Ihnen, meine Herren Kardinäle, weiß, wie sehr Uns am Herzen liegt, diese umsichtige und feierliche Kirchenversammlung zu beenden."

Solange eine verfassunggebende Versammlung, wie sie in gewisser Hinsicht das Konzil darstellt, im Gange ist, kann kein konstitutioneller Monarch – und als solcher kann der Herrscher im Vatikan angesehen werden – frei regieren. Infolgedessen ist er gezwungen, entscheidende Pläne – wie die Reform der Kurie – zurückzustellen. Das erklärt zum Teil sein "hamletisches" Verhalten und Zögern. Freilich kommt hinzu, daß der Papst eine diplomatische Natur ist. Aber niemand darf daran zweifeln, daß er weiß, was er will.

Die Ende Februar erfolgte Erweiterung des Kardinalskollegiums auf über hundert Purpurträger und die Ankündigung eines zweiten "Schubs" nach Abschluß des Konzils hatte manchen zu der irrigen Interpretation verleitet, daß der Papst den Kreis der hohen Würdenträger deshalb so sehr vergrößert habe, weil die Kardinäle dann den Senat oder "Kronrat" bilden könnten, mit dessen Hilfe er die Weltkirche lenken solle. Paul VI. sprach jedoch beim letzten Konsistorium von seinem Plan, "dem Episkopat die Ausübung von Rechten anzuvertrauen, die nicht im Gegensatz zu den Kriterien der Ordnung und Einheit stehen, die das Leben der Kirche bestimmen". Die beabsichtigte Bildung eines Bischofs-Rates im Zeichen der Kollegialität ist also keineswegs überholt.

Die Begeisterung, die in der Aula von St. Peter unter dem charismatischen Papst Johannes XXIII. vorherrschte, ist längst einer Ernüchterung gewichen. Ein Gegensatz zwischen "Konzilskirche" und "Kirche der Kurie" ist offen ausgebrochen. Die gespannte, ungute Atmosphäre, in der die dritte Sitzungsperiode zu Ende ging – die Mehrheit der fortschrittlichen Bischöfe war hell empört, weil der Papst die Verschiebung der Abstimmung über die Erklärung zur Religionsfreiheit gebilligt hatte – diese Spannung ist durch das kürzliche Hin und Her bei der Judenerklärung nicht geringer geworden. Wieviel vom früheren Schwung und der Dynamik des Konzils noch übrig geblieben ist, wird man erst nach dem 14. September, dem Beginn der vierten Session, sehen können. Eines aber scheint festzustehen: Die Stunde der Neuerer läuft ab. Es wächst die Vorsicht gegenüber radikalen Reformplänen.

Im Mittelpunkt der letzten Sitzungsperiode wird das Schema Nr. 13, das Hauptschema des Konzils schlechthin, sein: Hier geht es um die Stellung der Kirche in der modernen Welt. Dabei erhebt sich die Frage: Soll das Konzil den kommunistischen Atheismus verurteilen? Viele bezweifeln den Nutzen eines Kirchenbannes. Andererseits ist ein klares Anathema kaum zu umgehen.