Von Werner Ross

Der Nazismus war eine Weltanschauung, der Faschismus ein Rausch. Die Italiener brauchten nicht umzulernen, sondern nur nüchtern zu werden. Das neue Italien gab sich den – freilich schwer zu verdienenden – Ehrentitel einer "auf Arbeit gegründeten Sozialrepublik". Seriös zu werden, jenseits des Operetten-Italiens von einst und jenseits der Monumentalmaskerade des Faschismus, das schien aller Mühe wert. Das Risorgimento, die Freiheits- und Einigungsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts, gab das Vorbild ab, die Resistanza, die Widerstandsbewegung, lieferte Helden ohne Pathos und das Ideal der Solidarität. Dies sind die Voraussetzungen für den italienischen Nachkriegsroman und für den erstaunlichen Aufschwung des italienischen Films. Mit "Rom offene Stadt" fing ein neues Zeitalter an.

Dabei stellte sich etwas Merkwürdiges heraus, das den Siegeszug des italienischen Neorealismus eigentlich erst erklärt. Das italienische Leben, auf das sich das kalte Auge der Kamera oder der kühl beobachtende Blick des Reporter-Romanciers richtet, ist gar nicht "realistisch", sondern – was man will – romantisch, phantastisch, theatralisch, grotesk, pittoresk, absurd. Die Wirklichkeit ist kein Roman, sondern eine Oper, Opera buffa oder Opera seria, je nachdem. In die Oper gemündet war der italienische Verismus des finde siècle: Seine bleibenden Denkmäler sind nicht die großartigen Romane und Erzählungen von Verga, sondern der "Bajazzo" und "Cavalleria rusticana". So noch heute: Man zieht aus, die Eselin der Wirklichkeit zu suchen, und findet das Märchenkönigreich.

Dies wäre der Generalnenner, auf den sich auch die letzte Ernte der italienischen Romanliteratur bringen läßt –

Primo Levi: "Atempause", aus dem Italienischen von Barbara und Robert Picht; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 238 S., 14,80 DM

Paolo Volponi: "Ich, der Unterzeichnete", aus dem Italienischen von Piero Rismondo; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 312 S., 21,– DM

Italo Calvino: "Wo Spinnen ihre Nester bauen", aus dem Italienischen von Heinz Riedt; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 192 S., 16,80 DM