"...Munition für den Kampf gegen meinen verhaßtesten Bürokraten, den Custodian of Enemy Property."

(I. W., konservativer Unterhausabgeordneter, in einem Brief vom 8. August 1957 an den Verfasser dieses Artikels.)

Europa wird kleiner. Die junge Generation, die studierende vor allem, kommt herum in der Welt, macht sich Freunde jenseits der Grenzen und verliert mehr und mehr das Verständnis für einen engstirnigen Nationalismus, wie er uns Älteren noch von Kindesbeinen an eingebleut worden ist. Aus Feinden sind in wenigen Jahren Verbündete geworden, und es gibt so etwas wie ein werdendes europäisches Vertragswerk, europäischen Austausch auf allen nur denkbaren Gebieten.

Diese banalen Binsenwahrheiten muß man aussprechen, wenn man vor ihrem so erfreulichen Hintergrund die bittere Tatsache deutlich machen will, wie schwer vielen, die wirklich mit oder innerhalb von zwei Nationen leben, das Dasein noch immer unnötig erschwert, vergällt und kompliziert gemacht wird. Durch überholte Gesetze, durch voreingenommene Dummheit, durch was weiß ich nicht alles, besonders aber durch eine festgefrorene Bürokratie, deren in wortkarger Undurchsichtigkeit verborgene, aber muntere Existenz zwei Jahrzehnte nach Kriegsende nicht zu fassen ist. Es gibt da tatsächlich Dinge – die Betroffenen können ein Lied davon singen – so jenseits jeder Vernunft, daß man das Entstehen oder die Weiterentwicklung einer westeuropäischen Gemeinsamkeit zu negieren versucht ist. Wenn das geschieht am grünen Holz ...

Einzelfälle, wird man sagen. Mag sein. Ich habe freilich den Verdacht, daß es mehr sind als man ahnt. Sie dringen selten in die Öffentlichkeit, weil es sich bei ihnen – immer – um sehr private und zudem – fast immer – um höchst komplizierte Angelegenheiten handelt. Damit man sieht, was gemeint ist, will ich von einem solchen "Fall" berichten und ihn hier an die publizistische Glocke hängen, weil er mir jenseits des Privaten symptomatisch erscheint. Dabei geraten freilich so viele persönliche Dinge ins Spiel, daß ich es nicht übers Herz bringe, sie unter und mit meinem Namen zu nennen, außerdem handelt es sich auch gewissermaßen um ein noch schwebendes Verfahren. (Hoffentlich.)

Ich würde meinen Fall nicht mitteilen, stünde ich nicht außerhalb jeder Versuchung, damit etwa "den Engländern eins auswischen" zu wollen. Nichts könnte mir ferner liegen. Ich habe eine englische Mutter, bin mit zwei Sprachen groß geworden, habe mit einer anglistischen Doktorarbeit promoviert, bin in beiden Literaturen zu Hause, habe ein Buch über England geschrieben, es ist wahrhaftig ein Buch der Liebe zu meinem Mutterland, und bin jahrelang der Geschäftsführer einer Ortsgruppe der Deutsch-Englischen Gesellschaft gewesen. Freunde nennen mich manchmal ironisch einen britischen Monarchisten. Auf die Gefahr hin, daß es ruhmredig klingt, zähle ich diese Eigenschaften auf, weil sie meinem hoffnungslosen Krieg mit dem Verwalter deutschen Feindvermögens, von dem ich nun endlich erzählen will, einen fast perversen Zug grotesker Absurdität verleihen.

Auch wenn ich das Kopfschütteln mancher Leute provoziere, muß ich außerdem gestehen, daß ich von organisatorischen, juristischen und finanziellen Dingen leider recht wenig verstehe. Ich bin ein Schriftsteller, vielleicht noch einiges sonst, aber vor allem ein Schriftsteller, und ich kann nur so berichten, wie gut oder schlecht ich es verstehe. Ich bin überzeugt, viele Juristen werden es auch nicht begreifen, daß es das noch gibt: Seine bürokratische Majestät, den Administrator of German Enemy Property (beim Board of Trade, dem Londoner Handelsministerium). Ja, es heißt, im Jahre 1965, tatsächlich und entschlossen "Feindbesitz", ein Nazi-Wort, finde ich, ein Wort aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Im Englischen klingt’s nicht ganz so schlimm, aber noch schlimm genug.