Fernsehen

Die Technik ist bekannt: Ein fremder Zusatz, in eine Lauge geschüttet, zwingt die Elemente, Farbe zu bekennen. Die Tarnung fällt, der Schleier lüftet sich, die Dinge zeigen sich, wie sie in Wirklichkeit sind. Ein Auswanderer, so haben es Pavese und Vittorini, Berto undSilone beschrieben, ein Heimkehrer aus fernen Zonen kommt in sein väterliches Dorf zurück; Parteien bilden sich, Freund und Feind gewinnen an Kenntlichkeit; die Alltagsmaske wird fallen gelassen. Ein verfolgten Flüchtling, so hat es Anna Seghers gezeigt, sucht Unterschlupf in seiner Heimatstadt; jeder ist vor die Entscheidung gestellt, zu helfen oder ein Verräter zu werden; der Starke versagt, der Schwache erweist sich als mutig, ein Gejagter verlangt, wo immer er anpocht, daß man Offenbarungseide schwört.

In einem kleinen französischen Flecken, einem gallischen Güllen, in dem keine D-Züge halten, kehren infolge eines Unwetters die Insassen zweier rapidi ein. Die Lokomotiven verschnaufen, der Stationsvorsteher hat die große Stunde, von der er ein Leben lang träumte. In der Begegnung mit der fremden Welt, so hat es Jacques Deval in seinem Fernsehspiel Auf einem Bahnhof bei Dijon exemplifiziert, werden die Bürger eines verlassenen Nests plötzlich sie selbst. Hoffnungen bestätigen sich, man spricht aus, was man vorher nur dachte. Die Zeitungsverkäuferin schenkt sich ihrem Geliebten, dem Postsortierer vom Expreß-Waggon; Schneewittchen, eine Serviererin mit kindlichen Träumen, springt auf den Zug; Madame Noemi, die Pächterin des Bahnhofs-Büfetts, trifft ihren alten, inzwischen berühmt gewordenen Klavierlehrer wieder doch der, dessen wohlgepflegte Hände sie auf Kosten eigener Verbrennungen vor dem Dampf der Espresso-Maschine bewahrt, erkennt die Schülerin von einst nicht mehr.

Ein erprobtes Rezept, ein klägliches Mahl, ein versalzenes Essen. Statt frisches Obst und Gemüse zu reichen, griff Deval zur Konserve. Klischees stellten sich ein, grelle Effekte jagten einander, die leisen Töne blieben auf die erste und letzte Szene beschränkt, ansonsten glich das Bahnhofs-Restaurant eher einer Abnormitätenschau als einem Wartesaal mit ermüdeten Menschen. Exzesse am laufenden Band: Kinohelden beherrschten die Szene. Das junge Liebespaar war pünktlich zur Stelle – so gut wie die unselige Selbstmörderin und die verzichtende Amateurpianistin. Der schwere Junge, am Ende gottlob bekehrt, fehlte nicht, auch der Kriminalkommissar gab, mitsamt der Nuditäten-Managerin, seine Visitenkarte ab ... und damit es an tieferer Bedeutung nicht fehle, führten eine Mutter Oberin und ein Scharfrichter, so klein ist die Welt, bei einem Täßchen Tee ihr theologisches Gespräch. Monsieur, der an die Schuld seines siebenundvierzigsten Opfers nicht glaubte, befand sich im argen Gewissenskonflikt, Mademoiselle fand nach langem Gebet das erlösende Wort: Wie gut für das Opfer, wenn das allerletzte menschliche Gesicht ein Antlitz voll Erbarmen ist...

Und so trank man dann also Milch und Kaffee, trank Tee und Wasser aus Vichy (nur der schmierige Handelsvertreter soff seinen Korn), sagte "mein Bruder" und nahm die tödliche Pille, zeigte dasPostillon-Fräulein in klassischer Beforeand-after-Beleuchtung, sang das Hohelied der Aphrodite in den Himmel und auf Erden und versöhnte durch das allerletzte Bild. Ein leerer Wartesaal, die Stühle auf dem Tisch, das Intermezzo schon vergessen, Enttäuschung, Resignation, fader Geschmack, es bleibt alles beim alten, Alltag in Ewigkeit, nichts hat sich geändert, die Chance ist vertan, wir werden hier sterben, Momos