Man kennt seine Gäste. Der Gast dort am Ecktischchen ist Meinungsforscher. Das elektrisiert. Alles scheint drauf gewartet zu haben, daß sich so einer mal hierher verläuft. Nun ist er da. Der Geschäftsführer des Hauses genießt es schon im voraus, ihm klarzumachen, daß das Gros der Gäste im letzten Monatsdrittel auszubleiben und erst wieder am Ersten von der Reise zurück zu sein pflegt. Der Chef de Rang nimmt sich vor, diesem Herrn mal ganz exakt vorzurechnen, daß die Statistik der monatlichen Ausgaben etliche Passiva zu unterschlagen pflegt, wie Telephongebühren, Parkgebühren, Strafgebühren, Porti, Trinkgelder, Apotheke, Weihnachtsgeschenke, Ostereier, gar nicht zu reden von den erklecklichen Sümmchen, die in jedem Fall die Liebe kostet. Der Ober Max wird endlich mal an die richtige Adresse bringen, daß er ein glattes halbes Jahr ausschließlich für die Finanzierung seiner Neubauwohnung robotert. Der handtuchschmale Commis I, der seine vierzehn Stunden am Tag ’runtermacht, zischt aus dem Mundwinkel zum Commis II: "Der soll mich nur fragen, dem hust’ ich aber was." Auch der krimibleiche Piccolo hat was auf der Pfanne, von wegen Nachtarbeit für Jugendliche und so. Nur keine Schüchternheit vorschützen, mein Herr! sagt das Callaslächeln des Zigarettenmädchens, das ihrem Groll darüber Luft machen will, daß die Herren sie selbst für eine Zigarette halten. Vergiß mein nicht! sagt der Blick des Blumenmädchens, das seine Klage darüber anbringen möchte, daß den Damen Geld viel lieber als die schönste Flora ist. Die schattige Miene der Garderobiere hellt sich auf, als hätte man ein Licht vor ihr aufgestellt: Der soll sich nur mal anhören, daß ich die Zusatzbeiträge für die Rentenversicherung von den schäbigen Trinkgeldern der High Society bestreiten muß! Der Kellermeister Urban mit seinem Geschoß im Kreuz, Souvenir aus Sebastopol, steigt aus den Tiefen seines Kellers, um dem Kerl da reinen Wein einzuschenken. Sogar die Toilettenfrau stellt sich seelisch drauf ein, den Herrn Meinungsforscher über das aufzuklären, was die Herrschaften außerdem in der Toilette lassen. Alles hungert nach Befragung. Endlich mal einer, an dem man sich entladen kann!

Der Meinungsforscher denkt gar nicht daran, nach Meinungen zu forschen. Er speist eine Poularde und trinkt Beaujolais. Lebt nicht schlecht, Meinungsforscher ist ein Job, offenbar ist der Herr ein tüchtiger Meinungsforscher. Um so besser. Dann soll er nur mal.

Er hat sein Mahl beendet und steckt sich eine Zigarette an. Blickt unverwandt geradeaus. Scheint nichts im Sinn zu haben. Die öffentliche Meinung ist zum Schweigen verdammt. Man kommt sich vor wie geprellt. Böse Blicke zucken zur Ecke. Der macht sich’s leicht, zischt einer. Kein bißchen Pflichtgefühl. Kein Hunger nach Meinungen. Auch bloß ein Fresser. Müßte doch langsam gemerkt haben, daß man auf ihn wartet. Zum Kuckuck, man hat ein Recht darauf, nach seiner Meinung befragt zu werden. Womöglich weiß der gar nicht, daß man ihn kennt. Glaubt sich in seiner Anonymität aalen zu können.

Max, der ihn kulinarisch betreut, wird auf ihn losgelassen. Max bringt eine Bemerkung an. Der Max kann das. Doch der andere lächelt nur. Undurchdringlich wie Buddha. Macht in Selbstironie. Zieht sich aus der Affäre. Gemeinheit, so was. Alles bloß Masche, von wegen Meinungsforschen und so. Womöglich schreiben die Brüder bloß, was ihnen gerade einfällt. Man wartet. Jeder Blick wird registriert. Jeder Rülpser. Denn mancher rülpst, eh er fragt.

Der Herr zahlt, leert sein Glas, drückt seine Zigarette aus, läßt den Blick in die Runde schweifen. Nimmt von der Umwelt wieder Notiz. Besinnt sich drauf, sich die Poularde und den Beaujolais nachträglich zu verdienen. Auch gut. Er schnappt mit dem Mund auf und zu wie ein Fisch. Wie ein hungriger Hai, hungrig nach Meinungen. Nicht übel. Gibt aber weiter nichts von sich. Man hat Verständnis. Vielleicht muß er sich erst sammeln. Vielleicht hat er noch nicht verdaut. So eine Poularde ist schwer, auch der Beaujolais ist schwer, es ist alles nicht so leicht. Wirklich läßt er sich Mokka bringen. Mokka ist gut.

Der Herr trinkt aus. Erhebt sich. Begibt sich hinaus. Das wird genehmigt, das muß man. Man ist schließlich tolerant. Trotz allem. Man wartet. DieAtmosphäre knistert. Zwei Minuten geh ich ihm noch, sagt der Piccolo. Keiner, der ihn maßregelt.

Geduld scheint belohnt zu werden. Der Herr erscheint wieder, sichtlich erleichtert, begibt sich auf die Jagd. Auf die Jagd nach Meinungen. Diskret, unauffällig, wie er es gelernt hat. Ernsthaft-sachlich, sozusagen soziologisch inspiriert, ganz im Dienst der Wahrheit. Ein Sachwalter der Klärung. Ein ernst zu nehmender Sammler von Berechnungsgrundlagen fürs Finanzamt, für die Gewerkschaft, für die Regierung, fürs öffentliche Gewissen. Ein Blitzableiter für die Gebrannten, Geschubsten.