Berlin

Mit Spannung, aber auch menschlicher Anteilnahme verfolgt die Öffentlichkeit den Kampf um die neunjährige Angelika Kurz. Die jahrelange Auseinandersetzung hat jetzt ihre Endphase erreicht. Anfang dieses Jahres sprach das Kammergericht Berlin ein endgültiges Urteil, verfügte die Herausgabe des Kindes an die in Zittau (DDR) lebende Mutter und ließ die Revision beim Bundesgerichtshof nicht zu. Dennoch gaben die Rechtsvertreter von Angelika – das Jugendamt Tempelhof als Vormund – den Kampf nicht auf. Sie legten Beschwerde beim Bundesgerichtshof ein und erlangten vom Amtsgericht Tempelhof einen vorläufigen Vollstreckungsschutz. Aber auch der BGH entschied für die Mutter; er wies die Beschwerde zurück, womit alle Rechtsmittel erschöpft sind.

An dieser Entscheidung präsentiert sich nicht allein die Tragödie der Spaltung Deutschlands, sondern auch der Zwiespalt, in den die Justiz geraten mußte. Die Entscheidung entspricht in allen Instanzen dem geltenden Recht, nach dem die uneheliche Mutter allein über Erziehung und Aufenthalt ihres Kindes bestimmen darf, sofern ihr das Sorgerecht nicht entzogen wurde. Die Rechtsprechung berücksichtigte allein den Willen des Gesetzgebers, nicht aber die menschliche Tragödie, die sich hier über dem Kopf des Kindes zusammenbraute.

Angelika möchte bei ihren Großeltern bleiben, wo auch ihr Vater lebt, der aber nach altem christlichen Brauch nicht Vater, sondern nur "Erzeuger" genannt wird. Der Wunsch des Kindes aber wird und darf aus gesetzlichen Gründen nicht berücksichtigt werden.

Wollte die Obrigkeit eine andere Entscheidung fällen, die das menschliche Schicksal Angelikas berücksichtigt, so könnte sie nur politisch sein. Mit einem Veto unter politischen Aspekten würde unzweifelhaft ein Novum geschaffen werden. Doch soll die Rechtsprechung auf dem zivilen und strafrechtlichen Sektor nach dem Willen des freiheitlichen Westens jeglichen politischen Tenor meiden.

In letzter Minute machte der Vater einen Rettungsversuch und beantragte, Angelika für ehelich zu erklären; dann stünde dem Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu. Eine günstige Entscheidung erfordert aber das Einverständnis der Mutter. Auch hier hat sich kleinbürgerliches Denken in die Gesetzgebung eingeschlichen. Hätte der Gesetzgeber nicht den unehelichen Vater und das uneheliche Kind gleichermaßen diffamiert, konnte der "Erzeuger" von Angelika ohne Inanspruchnahme der Gerichte mit einem Viterwort den Streit zwischen Mutter und Kind entscheiden.

Der Verdacht, daß es nicht so sehr Mutterliebe ist, die nach der Tochter verlangt, sondern politische Motive mitspielen, liegt nahe. Schon die Tatsache, daß der SED-Kronanwalt Kaul die Interessenvertretung der Mutter übernommen hat, legt diesen Schluß nahe. Jetzt wieder heißt es, der Mann, den Frau Kurz in der DDR geheiratet hat, habe den Fall hochgespielt, "um ins Rampenlicht" zu treten.