Israels Außenminister Frau Golda Meir war sicher nicht der einzige, der sich über die ungewöhnlich nationalistischen Töne gewundert hat, mit denen Erich Mende in Diepholz auf die Demonstrationen einiger Hundert Israelis gegen Botschafter Pauls reagierte. War es unbedingt nötig, die begreiflichen Proteste der Leidgeprüften als "vergiftende kommunistisch-faschistische Methoden" zu brandmarken? Muß der Stellvertreter des Bundeskanzlers im Jargon der "Deutschen National- und Soldatenzeitung" alliierten Luftkrieg und Judenmords in Beziehung setzen?

Auch als Wahlkämpfer der FDP ist der gesamtdeutsche Minister nicht von seiner außenpolitischen Verantwortung dispensiert, schon gar nicht, wenn es um das heikle deutsch-israelische Verhältnis geht. Aber vielleicht hatte die schleswig-holsteinische und niedersächsische Umgebung, in der nationale Töne noch manches Herz erfreuen, auf ihn abgefärbt. Am Vortage hatten zum Beispiel in Raisdorf, einer Gemeinde bei Kiel, Schulkinder aus Dank für 270 Tafeln Schokolade dem Vizekanzler zu Ehren gesungen: "Wir tragen das Vaterland in unseren Herzen, denn wir sind der Staat, und wir sind die Saat für Zukunft, Leben, Ehre und Tat."

Die Melodie kam den älteren Zuhörern bekannt vor, der Text weniger. Das Lied ist auch in keinem Schulbuch zu finden – nicht mehr. Früher hatte es noch eine erste und dritte Strophe, in denen vom "Reich" und von "Führers Gebot" die Rede war. Text und Weise stammen von Will Decker, einem überzeugten Nationalsozialisten, seines Zeichens Obergeneralarbeitsführer. Als "Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes" wurde es Hunderttausenden von Hitlerjungen und Arbeitsdienstlern eingeimpft. K. H. J.