Frankfurt/Main

Der Mann, der 20 Monate lang als Vorsitzender des Auschwitz-Prozesses im Scheinwerferlicht stand, scheut die Öffentlichkeit: Hans Hofmeyer, Landgerichtsdirektor, der während des Mammutverfahrens zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht befördert wurde. Nicht, daß der heute 60jährige Jurist „introvertiert“ wäre: davon kann keine Rede sein. Wer ihn außerhalb des Gerichtssaales trifft, findet einen temperamentvollen Gesprächspartner. Doch sobald er die Robe angezogen hat, ist er verschlossen.

Während der Auseinandersetzungen darüber ob das neue „Massenkommunikationsmittel“ Fernsehen im deutschen Gerichtssaal zulässig sei oder nicht, wandte sich ein Landesjustizminister gegen dieses Ansinnen mit der Begründung, Richter und Staatsanwälte würden sonst der Gefahr ausgesetzt, zu „Filmstars“ zu werden und das auf Kosten einer soliden Wahrheitsfindung. Für einen Richter wie Hofmeyer hätte sich der Minister diese Gedanken nicht zu machen brauchen. Dessen Sorge, aus einem Gerichtsverfahren könne ein Spektakulum werden, ging so weit, daß am Tage der Urteilsverkündung im Auschwitz-Prozeß Justizwachtmeister eine wilde Jagd auf Photoreporter veranstalteten, lange bevor die Sitzung überhaupt eröffnet wurde.

Man braucht nicht gleich als krankhaft eitel und publicity-süchtig zu gelten – aber als Vorsitzender im größten Massenmord-Prozeß der deutschen Justizgeschichte hätte sicher mancher seiner Berufskollegen doch etwas „Personenkult“ gepflegt. Hofmeyer jedoch wehrte jeden Vorstoß, sich journalistisch porträtieren zu lassen, freundlich aber bestimmt und mit der Bitte um Verständnis ab. Obendrein hatte er sich so sorgfältig abgeschirmt, daß man schon Glück haben mußte, ihn telephonisch in seinem Haus in Bad Vilbel zu erreichen. Diese Abneigung gegen die „Schau“ in jeder Form hat jedoch noch einen anderen Grund: Hofmeyers geradezu penetrante Korrektheit ließ ihn befürchten, selbst das unverfänglichste Interview – etwa über seine Liebe zur Musik – könnte den Verlauf des Verfahrens stören. Wer diesen Fanatiker der Sachlichkeit nur aus dem Gerichtssaal des Auschwitz-Prozesses kennt, traut ihm sicher nicht zu, daß er sich in einer Stammtischrunde wohl fühlen kann. Auch in seinem Dienstzimmer im Frankfurter „Justizpalast“ sitzt er nicht in einem Elfenbeinturm: Gerichtsberichterstatter schätzen seine Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft.

Als er am 21. Dezember 1963 vor einem internationalen Publikum die erste Sitzung des Schwurgerichts im „Verfahren gegen Mulka und andere“ eröffnete, konnte man oft die Frage hören: Wer ist dieser Mann? Welche Voraussetzungen bringt er mit, diese außergewöhnliche Aufgabe zu bewältigen? Auf Anhieb fiel einem da keine bündige Antwort ein, denn Hofmeyer hat weder eine „Kometen-Laufbahn“ hinter sich noch war er in der Öffentlichkeit durch spektakuläre Prozesse bekannt geworden. Seine Karriere verlief durchaus „normal“. Es war der schnurgerade Weg eines ausgezeichneten Juristen und routinierten Verhandlungsführers, der in jeder Phase eines Verfahrens der Sache gewachsen ist.

Dieser Weg beginnt mit dem Jurastudium in Frankfurt, München und Gießen; 1928 Refendarexamen, 1931 das Zweite Staatsexamen. In Darmstadt sammelt der Assessor Hofmeyer Erfahrungen in einer Anwaltspraxis, später an Gerichten in Worms, Darmstadt und Offenbach. Nach fünfjähriger Assessoren-Tätigkeit wird er 1936 Amtsgerichtsrat. Alles läuft glatt und korrekt. Da gibt es weder „Pausen“, noch werden Stationen übersprungen. Im Kriege ist Hofmeyer Nachrichtenoffizier, bis 1944, dann Oberstabsrichter. Selbstverständlich war dieser Lebenslauf auch in Ostberlin bekannt. Aber selbst Hofmeyers richterliche Tätigkeit während des Krieges bot kein Material, um den Auschwitz-Prozeß zu torpedieren.

Als Vierzigjähriger kann er 1946 im Frankfurter Landgericht seine Laufbahn fortsetzen, zunächst als Vorsitzender einer Strafkammer, dann (1954) der Zivilkammer, die für Pressesachen zuständig ist. Hier führt er zwar manches überregionale Verfahren – wie etwa den Rechtsstreit um Kurt Ziesels Buch „Der rote Rufmord“ oder das Verfahren des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai Uwe von Hassel gegen die „Frankfurter Rundschau“ –, aber sein Name wird über Frankfurt hinaus nicht zum Begriff, wie etwa der des Bonner „Prominenten-Schrecks“ Quirini.