Das Nutzvieh läßt sich als Fabrik betrachten, in der aus pflanzlichen Stoffen wertvolles Nahrungseiweiß produziert wird. Wie jeden anderen kann man auch diesen Fertigungsbetrieb rationalisieren, so daß die potentielle Betriebs-Energie – Futter, Wasser, Sauerstoff und Arbeitskraft des Personals – maximal in das Endprodukt Fleisch umgewandelt wird. Hierbei freilich müssen Energieverluste, wie sie zum Beispiel durch die Bewegung des Tieres entstehen, vermieden, der Metabolismus und die Freßlust durch Drogen und einen künstlich veränderten Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert werden. Doch darf man die Kreatur zu einem bewegungslosen widernatürlichen Dasein verdammen, an dessen Ende der qualvolle Tod im Fließband-Schlachtbetrieb steht? "An welchem Punkt beginnt anerkanntermaßen die Tierquälerei", fragt Ruth Harrison in ihrem Buch "Animal Machines", dessen deutsche Übersetzung "Tiermaschinen" in diesen Tagen im Biederstein Verlag, München, erscheint. Diesem Buch, in dem die englische Autorin die Methoden der vollrationalisierten modernen Tierzuchtfabriken schildert, entnehmen wir die folgenden Auszüge aus dem Kapitel "Brathähnchen".

Wir behandeln sie nicht schlecht", sagte der Leiter einer Masthähnchen-Farm, ein liebenswürdiger junger Mann, der an harte Arbeit gewöhnt und sehr tüchtig war. "Sie leben in einer freundlichen Atmosphäre, verschont von Wind und Regen, und haben nach Belieben Futter. Es ist eigentlich wie ein Klub." Eigentlich wie ein Klub – sollen wir diesen rührenden Vergleich ein wenig genauer untersuchen?

Brutanstalten beziehen ihre Eier von Zuchthühnern, die im Freiland oder in Tiefstreuställen gehalten werden. Nur sehr wenig Züchter halten ihre Bruthennen in Batterien, weil die Küken überaus gesund sein müssen, um später unter den Bedingungen des Fabrikbetriebs in Mastkükenställen oder Legebatterien durchhalten zu können. Zu diesem Zweck werden auch alle Kümmerlinge unter den Eintagsküken von der Brutanstalt ausgemerzt und nur hundertprozentig einwandfreie Küken an die Intensivbetriebe weitergegeben. Die Brutanstalten liefern dem Leiter der Hähnchenmästerei unentgeltlich einen Überschuß von zwei Prozent als Ersatz für verendete Tiere. Das heißt: Wenn sie 10 000 Küken an eine Brathähnchen-Farm senden, packen sie noch 200 Stück dazu, damit jene Küken, die unvermeidlich zugrunde gehen, weil sie die Prozedur nicht aushalten, ersetzt werden können. Eine Sterblichkeit von zwei bis sechs Prozent wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Die Eintagsküken werden jeweils zu 8000 bis 10 000 Stück, manchmal auch in größerer Zahl, in langen fensterlosen Ställen untergebracht. In ihnen sind die Flächen nur entlang dem Dachfirst von dicht gereihten Entlüftungsventilatoren und an den Seitenwänden von Öffnungen für die Luftzufuhr unterbrochen. In einem Großbetrieb stehen diese Schuppen in Reih und Glied nebeneinander, jeder mit einem riesigen trichterförmige Futtersilo, der an einem Ende wie ein Wachtturm aufragt; die ganze Anlage gleicht einer Fabrik.

Innerhalb eines solchen Hauses hat man den Eindruck, sich in einem langen, weiten, finsteren Tunnel zu befinden, der sich im Dunkel verliert. Soweit das Auge reicht, ist der Boden mit Hühnchen bedeckt. Beiderseits sind Beleuchtungskörper angebracht; von den Balken hängen Futterbehälter, und Tränkrinnen, die an eine Wasserleitung angeschlossen sind, sorgen für ständigen Nachschub an Trinkwasser.

In den ersten zwei Wochen leben die Küken unter warmen künstlichen Glucken bei einer gleichmäßigen Temperatur von 32,2° die ihnen auch eine richtige Gluckhenne bieten würde, und bei einer Stunde für Stunde strahlend hellen Beleuchtung. Dadurch werden sie zum Fressen ermuntert und wachsen schnell heran. Nach zwei Wochen wird das Licht gedämpft, es ist nun bernsteinfarben und wird alle zwei Stunden ein- und ausgeschaltet. Im gleichen Rhythmus wechseln bei den Hühnchen Essen und Schlafen, Essen und Schlafen, Essen und Schlafen. Mit sechs Wochen sind sie bereits so groß, daß sie spüren, wie eng zusammengepfercht sie sind. Zuviel Licht wäre gleichbedeutend mit zu vielen Kämpfen, daher wird die Beleuchtung auf 25 Watt Rotlicht umgestellt, und auch diese Lampen gehen alle zwei Stunden aus und an.

Viele Besitzer von Mastkükenfarmen lassen ihren Küken den Oberschnabel verkürzen, um dem sogenannten Federpicken und den Kämpfen in den späteren Entwicklungsstadien vorzubeugen. Als noch bessere Lösung hat man auch die völlige Entfernung von Ober- und Unterschnabel empfohlen. Die Küken hätten dann keine Möglichkeit, ihre Nachbarn zu verletzen und könnten trotzdem noch gekörntes Futter zu sich nehmen. Wie ein solches Hühnchen trinken soll, wird nicht geschildert. Ein anderer Vorschlag, der von den Japanern aufgegriffen wurde und nicht einer gewissen Komik entbehrt, regt an, den Küken Brillen aufzusetzen. Sie sind rot gefärbt, und da sie alles in dieser Farbe erscheinen lassen, sollen sie den Vogel daran hindern, die roten Kämme seiner Gefährten anzupicken. In England wird ohnedies die ganze Umgebung in Rotlicht getaucht, und man versieht dort die Brillen mit "Scheuklappen", die ebenfalls dem Schnabel aufgesetzt werden, so daß der Vogel nicht zur Seite blicken kann.