Ein Notausgang aus der Bonner Misere

Man hört nichts mehr von dem leidigen Streit der Atlantiker und Gaullisten, jener beiden Gruppen, deren Meinungsverschiedenheiten lange Zeit die Unionsparteien CDU/CSU zu zerreißen drohte. Seit Monaten spricht kein Mensch mehr von ihnen.

Bis vor ein paar Tagen hätte man also meinen können, in der Union sei angesichts der bevorstehenden Wahl alles in schönster Ordnung und die Führung ein Herz und eine Stimme. Nun aber hat sich vor den Augen der verblüfften Wähler wieder die alte Kluft aufgetan. Und wieder war es die alte Gruppierung: Adenauer, Strauß, Krone, Guttenberg gegen Erhard, Schröder, Barzel, Dufhues. Nur ist es diesmal nicht die Frage Washington oder Paris, an der sich die Geister scheiden, sondern die Einstellung zur Genfer Konferenz und dem Problem der atomaren Mitbestimmung.

Die Bundesregierung hatte unter Erhards Führung am 17. August in einer Drei-Punkte-Erklärung positiv zum amerikanischen Vertragsentwurf Stellung genommen. Am 19. August jedoch erklärte Adenauer in Münster: "Der amerikanische Plan ist so ungeheuerlich, so schrecklich, daß Europa damit den Russen überantwortet wird." (Man fragt sich nur, warum die Russen ihn dann so fervent ablehnen.) Am 20. August replizierte Außenminister Schröder in Stuttgart, der amerikanische Abrüstungsvorschlag trage den deutschen Gesichtspunkten durchaus Rechnung. Am gleichen Tage fiel Minister Krone, Vorsitzender des Bundesverteidigungsrats, seinem Kollegen von der Koblenzer Straße in die Parade und pflichtete Konrad Adenauer bei. Und am 22. August erklärte der CSU-Landesvorstand in München seine Solidarität mit Adenauers Kritik. Welch wundervolles Bild parteipolitischer Einigkeit, welch überzeugende Probe der Führungskunst des Kanzlers!

Leere Versprechungen

In zwei Monaten wird es zwei Jahre her sein, seit Ludwig Erhard ins Palais Schaumburg einzog und die Führung übernahm. Wer erinnerte sich nicht seiner Regierungserklärung damals im Oktober 1963, die geradezu ein Musterkatalog frommer Vorsätze war:

"Diese Bundesregierung sieht es auch als ihre Aufgabe an, den Kontakt zu den geistig und kulturell führenden Schichten unseres Landes zu suchen und zu vertiefen ... Dieser Dialog scheint mir besser als eine einseitige Polemik gegen die Intellektuellen." Welche Diskrepanz zwischen diesen Verheißungen und den Seitenhieben auf die "Pinscher" und "Banausen".