Von Paul Sethe

Wie so oft war auch an diesem Abend der letzte Beitrag zur Diskussion der wichtigste. In der Forschungs-Gesellschaft für Publizistik in Frankfurt sprach Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Sie kommt von der Meinungsforschung her, sie hat dabei gelernt, mit genauen Zahlen zu arbeiten. Um so stärker war der Eindruck.

"Es ist nicht richtig, was Golo Mann einmal gesagt hat, daß Theodor Heuss der Selbstzerstörung der Deutschen ein Ende gemacht habe. Die Selbstzerstörung geht weiter." Und dann kamen die genauen Angaben. In zwölf Jahren ist beispielsweise die Zahl derjenigen Deutschen, die bei ihrem Volke keine besonders vorteilhaften Eigenschaften entdecken können, von sechs auf sechsundzwanzig Prozent gestiegen. Was Frau Noelle-Neumann weiter mitteilte, bestätigte das Bild, das die ersten Zahlen vermittelt hatten: Die Deutschen, vor allem dir jungen Deutschen, haben nur noch ein kühles Verhältnis zu ihrem Volke. Selbstüberschätzung und Hochmut sind gefallen, aber mit ihnen auch die selbstverständliche Freude an der Nation.

Vielleicht sind persönliche Eindrücke noch wichtiger als Zahlen. Kurz nach der Frankfurter Tagung unterhielten sich auf dem Podium der Technischen Hochschule zu Clausthal-Zellerfeld einige Historiker, Journalisten und Pädagogen über die Frage, ob die Deutschen noch ein Geschichtsbild hätten. Die Grauhaarigen unter den Gesprächsteilnehmern bemühten sich redlich, ein Geschichtsbild zu zeichnen, das zwar geläutert war von den borussischen oder gar chauvinistischen Trübungen, aber doch der Beziehungen zu unserer Vergangenheit nicht entriet. Die Grauhaarigen unter den Zuhörern waren auch sehr angetan davon, aber die Jüngeren zollten ihren lebhaften Beifall nur dem Generationsgenossen auf dem Podium. Er riet ihnen, die Vergangenheit unter der Idee der Freiheit (also einem übernationalen Begriff) zu betrachten, und zitierte mit Wärme den Grafen Moltke von Kreisau. Moltke hatte als Beweggrund für die Verschwörung vom 20. Juli das Ziel genannt, der Welt einen reineren Begriff vom Menschen zu geben. Nie an diesem Abend war der Beifall so stark wie bei diesem Zitat.

Als man dann noch bei einem Glase Wein zusammensaß, sprachen einige der jüngeren Zuhörer ganz offen aus, was man schon bei der verschiedenen Tönung des Beifalls vermutet hatte: sie erkennen die Begriffe Volk und Vaterland nicht mehr an. Sie sind wahrlich nicht ohne Ideale. Familiensinn, Humanität, Duldsamkeit, Hilfsbereitschaft, Aufrichtigkeit gehören dazu. Aber die Zukunft der Nation ist kein Leitbild mehr für sie. Ihre Lieblingswissenschaft ist die Soziologie, als Mitglieder einer sich wandelnden Gesellschaft fühlen sich die meisten; die nationale Geschichte ist ihnen fern. Ihr Herz erwärmt sich nicht dabei, und sie erröten nicht, wenn sich herausstellt, daß sie von ihr weniger wissen als von Françoise Sagan oder Salvadore Dali.

Der nachdenkliche Gesprächsteilnehmer konnte sich an diesem Abend in seiner Überzeugung bestätigt fühlen, daß die deutsche Nation – versteht man sie nicht als Verkehrs- und Erwerbsgemeinschaft, sondern als bewußt gewollte, von der Vergangenheit bestimmte, in die Zukunft gerichtete Lebensgemeinschaft – nicht mehr besteht.

Nun ist überall bei den älteren Völkern das Nationalgefühl schwächer geworden. Nationalismus im Sinne des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, als glühende, leidenschaftliche, das Dasein beherrschende Empfindung gibt es nur noch bei den jungen Staaten Asiens und Afrikas. Bei den Europäern (mit Ausnahme der Osteuropäer) hat gerade die Überhitzung des Nationalgefühls zu einem Rückschlag geführt. Das übrige haben die besseren Verkehrsmittel, Austauschstudium, internationale Stipendien und der Massentourismus besorgt. Wenn Mr. Smith aus Manchester, M. Durant aus Marseille und Herr Müller aus München einander vor der Markuskirche begegnen oder sich in Cannes gemeinsam sonnen, bleibt für das Hochgefühl, dem anderen national überlegen zu sein, nicht viel übrig. Zum nationalen Hochmut, jener äußersten und gefährlichsten Verdichtung des Nationalgefühls, gehört eine räumliche Entfernung, die in unseren Tagen schwindet.