Die meisten deutschen Kommentare zu dem amerikanischen Entwurf eines Vertrages über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen gehen an den eigentlichen Problemen präzis vorbei. Das gilt für Adenauers Ausfälle, wonach die Amerikaner offenbar den Ausverkauf Europas an die Russen vorbereiten; es gilt aber auch für die Erklärung des CDU-Präsidiums vom Montag. In Genf erheben sich für die Bundesrepublik heute drei Fragen:

1. Wie würde sich ein Nonproliferationsabkommen auf die Pläne für eine atomare Kollektivorganisation innerhalb des nordatlantischen Bündnisses auswirken?

2. Wie weit würde ein Vertrag nach dem Muster des amerikanischen Entwurfs das Mitspracherecht Bonns bei der Festlegung der westlichen Atomstrategie beeinträchtigen?

3. Welche Fortschritte auf dem Felde der Deutschlandpolitik ließen sich unter Umständen gegen eine bundesrepublikanische Unterschrift unter das Nichtverbreitungsabkommen einhandeln?

Eine Analyse des US-Entwurfs ergibt, daß der Vertrag die praktischen Möglichkeiten für eine atomare Reorganisation der NATO nicht einengt. Nach Artikel I und II wird "die Oberführung atomarer Waffen in die nationale Kontrolle nichtnuklearer Staaten sowohl direkt als auch indirekt über ein Militärbündnis" untersagt, desgleichen "jede andere Handlung, die eine Erhöhung der Gesamtzahl der Staaten und anderer Organisationen bewirken würde, die unabhängige Verfügungsgewalt über den Einsatz nuklearer Waffen besitzen".

Damit wird weder die MLF ausgeschlossen, der ja ein unüberwindliches amerikanisches Veto fest eingebaut werden sollte, noch eine ANF nach den englischen Vorschlägen. Auch stünde der Bildung eines atomar bewaffneten Vereinigten Europa nichts im Wege, sofern entweder Frankreich oder Großbritannien oder beide ihre nukleare Verfügungsgewalt an dieses Europa abträten – und anders ist die Entstehung eines politisch und militärisch geeinten Europa sowieso nicht denkbar.

Eine Einschränkung der Zukunftsmöglichkeiten brächte der Vertrag lediglich im Bereich der reinen Utopie: Die Worte "und anderer Organisationen" untersagen die Schaffung etwa einer NATO-Atommacht, in der kein Veto der USA, Englands oder Frankreichs wirksam wäre. Solch eine NATO-Atommacht war jedoch noch nie aktuell und wird es auch nicht werden.