Die Jugend in der Landwirtschaft zu halten ist überall ein Problem. Dort gibt es keine hohen Verdienste und keine Fünftagewoche.

Auch die Berufsberater in der DDR haben es schwer, junge Menschen für die Landwirtschaft zu gewinnen oder sie, soweit sie Bauernkinder sind, zu halten. Von den Abgängern der zehnten Klasse selbst in ländlichen Bezirken, in denen etwa 20 Prozent aus der Landwirtschaft stammen, sind es kaum 5 Prozent, die sich für einen landwirtschaftlichen Beruf entscheiden. Meist sind die Eltern dagegen. "Meine Kinder sollen es einmal besser haben", sagen sie.

Eine Zeitlang versuchte man sich damit zu helfen, Kindern von Landwirten einfach keine anderen Lehrstellen zu vermitteln. Aber das ging auf die Dauer nicht gut. Die Industrie vor allem, die ebenfalls händeringend guten Nachwuchs sucht, protestiert dagegen und fand viele Wege, junge Leute vom Land an sich heranzuziehen. Bei den zuständigen Stellen sah man auch ein, daß man Jugendliche mit einer technischen Begabung nicht einfach zwingen konnte, in der Landwirtschaft zu bleiben. Das widersprach dem heute wichtigsten Prinzip der Berufsberatung, Begabungen zu fördern, ganz gleich, aus welchem sozialen Milieu das Kind stammt.

Schließlich hoffte man, durch einen interessanten praktischen Unterricht die Kinder in der Landwirtschaft zu halten. Mit der siebenten Klasse, aIso mit 12 Jahren, erhalten alle Kinder unter Aufsicht ihrer Lehrer an einem Tag in der Woche sogenannten polytechnischen Unterricht in einem Industrieunternehmen, einem größeren Handwerksbetrieb oder in einem landwirtschaftlichen Betrieb, also auf einem Staatsgut oder in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Dabei machte man aber die Erfahrung, daß sich gerade die Bauernkinder auf die Dauer für die Arbeiten auf dem Feld und in den Ställen nicht begeistern, weil sie das alles von zu Hause schon zur Genüge kennen.

Zur Lösung dieses Nachwuchsproblems will nun die Hochschule für Landwirtschaft in Bernburg an der Saale beitragen. Der Rektor, Prof. Dr. Oberdorf, hat 90 zwölf- und dreizehnjährige Jungen und Mädchen aus dem Bezirk Halle, die schon vorher im Rahmen des polytechnischen Unterrichts in der Landwirtschaft gearbeitet haben, zu einem "Spezialistenlager" an der Hochschule eingeladen. Sie wohnen in den Studentenheimen, die, wegen der Ferien, ohnehin frei sind, und werden von Studenten, Assistenten und anderen Mitarbeitern der Hochschule unterrichtet und betreut. Man hofft, daß sie bei den Arbeiten auf den Versuchsfeldern und in den Labors und Werkstätten Interesse für den Beruf des Landwirts gewinnen. Hans Queling