Matthias Walden: Politik im Visier. Seewald Verlag, Stuttgart. 276 Seiten, 12,80 DM.

Es ist heutzutage üblich geworden, seine gesammelten Werke zu Lebzeiten herauszugeben – wahrscheinlich weil es später doch keiner mehr tut. Die Verlage, im Konkurrenzkampf begierig nach Druckbarem, drucken; nun neuerdings auch – von Matthias Walden – Illustriertenkolumnen.

Auch wer Walden lange kennt, muß die Gewandtheit seiner Feder, den Einfallsreichtum seiner Wortspiele, die stilsichere Präzision seines Ausdruckes immer wieder bewundern. Dieser Mann gehört zu den größten formalen Talenten des deutschen Journalismus. Auch wer Walden nur kurz kennt, nur wenige seiner Kolumnen gelesen oder Funkkommentare gehört hat, kann sich der Einsicht nicht entziehen, daß Brillanz hier nur die Wiederholung ein- und desselben Inhalts verdeckt. Was die Lektüre dieser Artikel spannend macht, ist allein der dauernde Kampf um die Bewältigung der Langeweile durch die Form.

Die Ursachen liegen auf der Hand. "Politik im Visier" heißt der Titel dieser Sammlung. Waldens (und seiner Leser) Unglück besteht darin, daß er ausgerechnet die Politik ins Visier nimmt. Walden ist ein befähigter Polemiker, ein Pamphletist, in gewisser Hinsicht ein Moralist – aber kein Politiker. Ich kenne niemanden, der so begabt auf die Kommunisten schimpfen kann. Auch in den Illustriertenaufsätzen dieses Buches bilden Kommunismus und Nazismus die Haupt-, ja fast die einzigen Themen. Dabei spielen zweifellos persönliche Erfahrung und persönliches Engagement des Autors eine bestimmende Rolle. Aber Nazismus und Kommunismus sind auch das ideale politische Objekt der Unpolitischen. Hier kann man ganz – aus vollem Herzen und mit allen Effekten – zu Felde ziehen, hier braucht man (scheinbar) nicht zu differenzieren. Walden ist viel zu intelligent, um nicht zuzugeben, daß die wahren Unterschiede im Leben zwischen Grau und Grau bestehen und der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß in der Realität kaum vorkommt. Aber sein Denken und sein Bedürfnis nach Wirkung verlangen die scharfen Kontraste. Hier wird die Form verräterisch, Kommunismus ist für Walden "kriminell", seine Führer sind eine "Gangsterbande", ihr Kurs der eines "Piratenschiffs".

Gegenüber Kriminellen, Piraten und Gangstern gibt es gar keine Zweifel, wie man sich zu verhalten hat: man muß sie schlagen, wo und wie man sie trifft. Einschränkungen bestehen da höchstens in taktischer Hinsicht. Mit dem absolut Bösen gibt es keine Kompromisse: man muß standfest, unbeirrbar und unverführbar bleiben, und man muß es denen kräftig geben, die daran zweifeln, daß die Begriffe der Strafjustiz in der Politik weiterhelfen. Wenn man die Politik durch und durch moralisiert, wird alles herrlich einfach. Man kann immer klar Stellung beziehen und die Leute durch scharfe Konturen beeindrucken. Die Politik rutscht dabei allerdings aus dem Visier. Peter Bender