Der Sport hat die Grenzen der gemäßigten Klimazonen, innerhalb derer er früher seine Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften durchführte, heute überschritten. Extreme Höhenlage wie in Mexico City – oder extreme Hitze, wie sie in subtropischen oder tropischen Ländern herrscht, oder schließlich erhöhte klimatische Gefährdung, zum Beispiel durch Unwetter und Lawinen, wie sie jetzt in Chile zutage trat, stellen immer neue Probleme.

Um ihrer unstillbaren Reisesucht auf Kosten anderer Leute frönen zu können, vergab vor einigen Jahren eine Mehrheit des Internationalen Skiverbandes die Skiweltmeisterschaften 1966 an den chilenischen Kordillerenort Portillo. Keiner dieser Delegierten hatte zuvor je den Namen dieses Platzes gehört. Proteste einiger vernünftiger Funktionäre, die darauf hinwiesen, daß Südamerika für eine derartige, organisatorisch wie technisch recht komplizierte Veranstaltung längst noch nicht reif sei, wurden geflissentlich überhört, jahrzehntelange alpine Erfahrungen außer acht gelassen. Die Befürworter von Portillo, das nahe der chilenisch-argentinischen Andengrenze gelegen ist, vertraten den Standpunkt: Wenn Chile eine Fußballweltmeisterschaft zufriedenstellend abhalten kann, vermag das Land auch eine Skiweltmeisterschaft zu organisieren. Sie vergaßen, daß die Umstände beider Fälle so verschieden sind wie eine Partie Boccia angesichts einer Ersteigung der Eiger-Nordwand.

Natürlich wurde von den Verantwortlichen an vieles gedacht, was für eine Skiweltmeisterschaft erforderlich ist, um sie in dieser Einsamkeit wenigstens notdürftig durchführen zu können. Wie überall jedoch, wo mit Schnee Geld verdient werden soll, spielen auch in diesem Falle recht erhebliche Fremdenverkehrsinteressen mit herein. Und warum sollten in den Anden nicht auch Wintersportzentren entstehen, wo sie doch in den europäischen Alpen so prächtig florieren! Deshalb hatte die chilenische Regierung Vertreter zahlreicher Touristenbüros nach Portillo im März dieses Jahres (also im dortigen Sommer!) eingeladen. Auch eine Kommission des FIS fand die Situation plötzlich in Ordnung. Die Pisten wurden als weltmeisterschaftsreif bezeichnet. Die FIS;-Vertreter schauten nur auf die technischen Anlagen, vergaßen aber, sich die gesamte Terrainsituation mit der nötigen Genauigkeit anzusehen. Hotelbauten erschienen ihnen wichtiger. An Lawinen dachte niemand ...

Nun aber haben Naturgewalten allen, welche mit diesen Weltmeisterschaften zu tun haben, einen heftigen Denkzettel verabreicht. Von den zur Generalprobe bereits angereisten Aktiven kamen durch eine Lawine fünf ums Leben, drei weitere wurden verletzt. Wenn weitere Mannschaffen, die noch in Santiago weilten, schon an Ort und Stelle gewesen wären, hätte geradezu mit einer Katastrophe gerechnet werden müssen. Auch der für die Weltmeisterschaften erbaute Skilift wurde teilweise zerstört, womit die Ahnungslosigkeit dieser "alpinen" Organisation hinreichend gekennzeichnet ist. Seit 1942 wäre dort keine ähnliche Lawine mehr heruntergekommen, wird zur Entschuldigung gesagt. Aber 23 Jahre Zeitdifferenz sind im Haushalt der Natur ein Nichts. Mit Maßnahmen, die aus dem Handgelenk getroffen werden, ist ihr noch nie beizukommen gewesen.

Der sportinteressierte Laie mag sich an den Kopf greifen, wieso es zu solchen folgenschweren Fehlern kommen kann, denn selbst harte Wettkämpfe werden nicht zum Sterben organisiert. Aber auch in der FIS sind zu viele – gelinde ausgedrückt – sportlich Halbgebildete stimmberechtigt. Sie treffen Entscheidungen, welche Fachmänner zum Kopfschütteln veranlassen, sie diskutieren über sekundäre technische Details und fassen, wo es um wichtige Entscheidungen geht, leichtfertige Beschlüsse. (Die Wahl Mexico Citys durch das IOC als Olympia-Stadt in 2300 Meter Höhe bietet eine Parallele!) Die Beantwortung der Fragen nach den Berggefahren wird später den örtlichen Stellen überlassen. Sie aber schweigen, um ihr Gesicht nicht zu verlieren. Wir haben das zuletzt bei uns auf der Zugspitze erlebt. Wir dürften eigentlich auf Portillo nicht mit dem Finger zeigen. Walter Koenig