Von Karl Adam

Es kommt nicht oft vor, daß die USA-Presse von einem sportlichen Ereignis in Deutschland Notiz nimmt, noch seltener geschieht das in großer Aufmachung. Als "Sports Illustrated", aus dem gleichen Verlag wie das "Spiegel- Vorbild "Time"und die große Illustrierte "Life", einen Zweiseitenbericht über das Achterrennen zwischen Vesper Boat Club, Philadelphia, und dem Ratzeburger Ruderclub in Ratzeburg brachte, fiel dieser so aus, daß meine neidvolle Bewunderung für die sachliche, genaue und wohlinformierte amerikanische Sportberichterstattung einen argen Stoß erhielt. Die Affäre hat eine drollige Vorgeschichte.

Im Frühsommer machte der Achter der Harvard-Universität in den USA von sich reden, Er gewann alle College-Rennen mit mehr als drei Längen und verbesserte mehrere Streckenrekorde beträchtlich. "Sports Illustrated" brachte einen großen Bericht, geschrieben von Mr. Whall, in dem Harry Parkers Crew als der größte Achter bezeichnet wurde, den Amerika je hatte. Das ärgerte den Vesper Boat Club aus Philadelphia, von dessen Olympiasieg man wenig Aufhebens gemacht hatte, gewaltig, zumal die Clubmannschaft zu den College-Rennen nicht zugelassen wurde. So kam es zum ersten Zusammentreffen der feindlichen Amerikaner beim Vorlauf der Henley-Regatta in England. Vesper gewann mit 3/4 Länge, und Jack Kelley, Bruder der Fürstin von Monaco, Olympiadritter von Melbourne im Einer und Sponsor (Geldgeber) des Vesper Boat Club, kabelte an "Sports Illustrated": "Harvard is the greatest, but Vesper is the fastest!" Zwei Tage darauf wurde Vesper im Endlauf der Henley-Regatta von Ratzeburg mit 1/2 Bootslänge geschlagen. Der Bericht von "Sports Illustrated" zitiert Kelleys Telegramm wörtlich mit dem lakonischen Zusatz: "right, except for Ratzeburg." Als dann eine Henley-Revanche in Ratzeburg vereinbart wurde, mußte Mr. Whall die Reise über den Atlantik antreten, um über "the rubber race at Ratzeburg" zu berichten. (Rubber = Dreierserie beim Kartenspiel. Die erste Begegnung war der Endlauf bei den Olympischen Spielen in Tokio, den Vesper vor Ratzeburg gewann.) Mr. Whall gibt sich alle Mühe, die Harvard-Scharte auszuwetzen. Sein Bericht beginnt damit, daß die Deutschen einen raffinierten Nervenkrieg gegen die "boys" und ihren Coach Mr. Rosenberg geführt hätten. Dann läßt er das Rennen mit einem Schuß starten, der offensichtlich besser zu seinem Deutschlandbild paßt, als das bei internationalen Rennen vorgeschriebene: "Etes-vous prèts? Partez!" Schließlich sein Glanzstück: "But when the German victory was announced over the loudspeaker, someone on the shore suddenly yelled: "Sieg Heil!" "Heil!" roared the crowd in response. "Sieg Heil!", "Heil!" shrieked the crowd. "Sieg Heil!", "Heil!".

Es bedarf kaum der Versicherung, daß diese Szene ebenso frei erfunden ist wie der Startschuß. Wenn es sich um eine ostdeutsche oder russische Zeitung handelte, wäre der Zweck, die Bundesrepublikaner als aggressionslüsterne Nazis hinzustellen, klar. Aber wie kommt ein amerikanischer Korrespondent dazu, solch boshaften Unsinn zu erfinden?

Ich sehe nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Entweder macht Mr. Whall auf eigene Faust ein wenig antideutsche Propaganda, vielleicht aus Ärger über die lästige Reise oder das Ratzeburger Hotelzimmer ohne Dusche. Oder aber "Sieg Heil!" ist Mr. Whalls einzige deutsche Vokabel außer "Sauerkraut", und er wollte sie zwecks Erzeugung von Lokalkolorit unbedingt anbringen, obwohl er über ihre Bedeutung nicht genau informiert war. Ich neige der zweiten Version zu, seit ich von Mr. Whall folgenden Brief erhielt:

"Dear Mr. Adam:

I am enclosing a copy of Sports Illustrated carrying my story of the race between Ratzeburg and Vesper in case you have not already Seen it. There is not much else I can say except: Heil Ratzeburg! Heil to the greatest, and fastest crew in the world!"