Herman F. Achminow: Breshnew und Kossygin. Die neuen Männer im Kreml? Aktuelle Taschenbücher. Wolf Frhr. v. Tucher Verlag, Diessen/Ammersee; 155 Seiten, 3,90 DM.

Hermann Achminow, einer breiteren Öffentlichkeit bereits durch seine beiden Bücher "Die Macht im Hintergrund" und "Die Totengräber des Kommunismus" bekannt, hat eine provozierende Art, die Kremlpolitik zu deuten. Davon macht seine neueste Veröffentlichung keine Ausnahme. Die Thesen Achminows sind nämlich, je nach dem Standpunkt des Betrachters, entweder mindestens zweifelhaft oder überspitzt – oder sie treffen haarscharf ins Schwarze: vorsichtig abwägend sind sie also selten, anregend dafür fast immer. So auch diesmal. Der Verfasser schrieb seine Darstellung unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge um den Sturz Chruschtschows im vergangenen Oktober; er verfügte also nicht – wie der Rezensent – über den Vorteil zeitlichen Abstandes. Die Chancen für Fehlprognosen sind entsprechend größer. Der an rascher Information interessierte Leser (und Verleger!) wird dies in Kauf nehmen, wenn er dafür von einem Sachkenner eine zuverlässige Analyse der sonst ungenügend bekannten Interna der Sowjetpolitik erhält.

Diese Aufgabe erfüllt Achminows Darstellung zweifellos. Manche der von ihm vermittelten Einblicke in Erfolge und Fehlleistungen Chruschtschows und die politische Karriere seiner Nachfolger sind aufschlußreich und informativ. Trotzdem bleiben einige seiner wichtigsten Thesen anfechtbar. Achminow beweist einleitend, daß Chruschtschows Abgang voraussehbar war. Das wird niemand, zu allerletzt der Gestürzte selbst, bestreiten wollen – auch wenn manch einer post festum klüger ist, als er es vorher war. Die Plötzlichkeit und die Art, mit der dieser Sturz erfolgte, überraschte aber jeden, einschließlich Chruschtschow, der es wohl besser hätte wissen müssen. Achminow erklärte sie vor allem mit psychologischen, in der Person Chruschtschows liegenden Gründen. Danach soll sich der alternde Diktator unversehens geweigert haben, sich der Mehrheit der Parteiführung zu fügen und ordnungsgemäß zurückzutreten, was diese zu ihrer Überrumpelungsaktion gezwungen hatte. Sie sei, immer nach Achminow, unvermeidlich geworden, als Chruschtschow den gelungenen Start des Raumschiffs "Wostok III" als willkommene Chance habe nutzen wollen, seine erschütterte Position nochmals zu festigen. Eine solche vereinfachende Deutung vermag kaum zu befriedigen, wie auch entgegen der Meinung Achminows damals wohl niemand mit Bestimmtheit voraussagen konnte, daß von vornherein eigentlich nur Breshnew und Kossygin als Thronfolger in Frage kamen.

Achminow vermittelt ein lebendiges Bild von den Machtkämpfen im Kreml und den möglichen Entwicklungen unter den neuen Führern. Chruschtschows Politik hält er im großen und ganzen für erfolgreich, seine Fehler vergleichsweise für unbedeutend. Hier ließe sich nun praktisch jede These Achminows mit einer Gegenthese widerlegen: Hat Chruschtschow tatsächlich den Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa "rückgängig gemacht", wie Achminow behauptet? Hat er, Chruschtschow, "die politische Expansion des Kommunismus (wessen Kommunismus?) in beispiellos geschickter Weise vorangetrieben" oder gar "die Amerikaner reif gemacht für einen Rückzug aus Europa?" Wo Achminow Ausrufezeichen setzt, kann man füglich, aus weniger pessimistischer Sicht, ebensogut Fragezeichen anbringen oder nachweisen, wie oft und folgenreich sich der gestürzte Diktator in seinem politischen Kalkül irrte. Das letzte Fragezeichen (wir meinen, hier gehöre eines hin) ist wohl hinter Achminows Prophezeiung zu setzen, wonach der Parteisekretär Breshnew der kommende Herrscher Rußlands, möglicherweise der "Stalin von heute", werde. Das war im November 1964 doch zum mindesten sehr offen und ist es heute, soviel später, nicht minder, ganz abgesehen davon, daß die Sowjetgesellschaft von heute einen zweiten, wenn auch "modernisierten" Stalin kaum mehr so leicht aufkommen läßt.

Aber der Zweck dieser anregenden Analyse des überraschenden Führungswechsels im Kreml im letzten Herbst soll ja nicht nur sein, eine denkbare und möglichst prompte Erklärung zu geben, sondern zugleich auch deutlich zu machen, wie viele entscheidende Vorgänge im Sowjetsystem unserem Wissen noch verschlossen sind.

Curt Gasteyger