Von Peter Mörser

Seit nunmehr sieben Jahren schon bin ich kein Mensch mehr für Freund und Feind, und auch nicht fürs Finanzamt, sondern ein Pendler. Ich pendle täglich sechzig Kilometer, hinund zurück, notabene. Meine Erlebnisse in sieben Pendeljahren verdichten sich immer mehr zu einem Verkehrstrauma – einem Trauma ganz anderer Art, als man mir unterstellt, aber nicht minder konsequent und schicksalsträchtig, wie mir scheint. Mich plagen nicht Baustellen und Frostaufbrüche, nicht. die Trunkenheit von Gesetzgebern und anderen Menschen am Steuer; und wenn ich an Sünde denke, dann assoziiere ich damit nicht Flensburg, sondern immer noch Venedig oder, wenn es sein muß, Kopenhagen.

Ich pendle nämlich mit der Bundesbahn, gänzlich zweiter Klasse.

Und gerade deshalb bin ich so pessimistisch. In diesen sieben Jahren hat sich nämlich einiges geändert: Ich habe zwar doppelt so viele Züge wie vor sieben Jahren und fahre elektrisch sieben Minuten schneller. Verspätungen kommen nicht mal mehr im Winter vor – aber ich bin vollkommen vereinsamt. Vor sieben Jahren noch habe ich meine Frau im Zug kennengelernt – und wenn ich mich nun auf meinem kunst-rotledernen Eckplatz niedergelassen habe und meine wohlbesockten Füße auf dem Platz gegenüber, wenn ich neben mir meine Akten ausgebreitet und den Rest des Abteils mit Tasche und Mantel belegt habe, dann sehne ich mich bisweilen nach einem Menschen, womöglich weiblichen Geschlechtes. Diesem Wunsch trägt die Direktion in jüngster Zeit durch die Gestellung wohlgestalteter Schaffnerinnen Rechnung, mit denen ich bisweilen plaudere, aber so ganz befriedigen kann mich dies doch nicht.

Man könnte nun meinen, es handle sich um eine Pendelstrecke im Bayrischen Wald oder im gesamtdeutschen Notstandsgebiet, aber weit gefehlt: Die Wagen, in denen ich meine Pendeleinsamkeit ausbreite, verkehren zwischen Genua und Hamburg, oder auch Port-Bou und Puttgarden, und manchmal heißen sie "Metropolitano" – irgend jemand in der Direktion hat anscheinend eine unglückliche Liebe zu Ernst Jünger; unglücklich insofern, als es nicht die Elite ist, welche zwischen Metropolis und Politano vereinsamt, denn dazu ist der Metropolitano zu billig. Da sind keine ordentlichen Spesen drin, keine Abschreibemöglichkeiten, keine Bar – nichts.

Das alles ist aber nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind meine Freunde. Ihre Miene ist schon bekümmert, wenn sie mich, alle Jahre wieder fragen: "... und du fährst immer noch jeden Tag hinüber mit deinem alten VW?" Und wenn sie dann, alle Jahre wieder, hören, der alte VW diene nur dazu, daß meine Frau mich an den Bahnhof bringt (weil nämlich nach sieben Jahren noch immer kein Parkplatz am Bahnhof ist), dann ist mein Ruf als gescheiterte Existenz wieder für ein Jahr gesichert.

Ich habe einen Pendelkollegen auf meiner Strecke, einer mit Abschreibemöglichkeit, der fährt aus diesen Gründen nur mit dem TEE. Einmal hat er dort sogar schon eine veritable Chefsekretärin kennengelernt – von den zahllosen Chefs selber gar nicht zu reden. Aber unser täglicher TEE verkehrt nur einmal am Tage und zu einer mir ganz ungelegenen Zeit. Versteht man nun meinen Pessimismus?