Funk

Die zwei Parabeln, aus denen Dieter Kühns Hörspiel "Ritornell" besteht, haben ein gemeinsames Beziehungsfeld. Zu jeder Zeit, meint der Autor, ist Anfälligkeit für emotionsgeladene politische Phrasen gleich stark und gefährlich, Gutmütigkeit kein Signum für Intelligenz, Appelle an die Ehre, ausgesandt von geschickten Demagogen, lähmen die Vernunft.

Ein Passant stößt zufällig auf eine politische Demonstration. Zu rasch läßt er sich herbei, dem angeblich ermüdeten Träger eines Transparentes mit politischer Losung einen "kleinen Gefallen" zu erweisen und ihn "ein paar Minuten" nur beim Tragen der Stange abzulösen. Sofort wird seine Gutmütigkeit ausgenutzt, er bekommt Schwierigkeiten mit der Polizei. Auf einer Parteiversammlung wird er dann für seinen "Einsatz" als Kampfkamerad angeredet und in die Partei hineingelockt. Ein neuer Mitläufer ist gewonnen durch die Kettenreaktion Gutmütigkeit, Dummheit und falscher Ehrbegriff.

Ein bankrotter Handwerker mißachtet die Warnung, einem Unbekannten seinen Laden zu verkaufen, der harmlose Mann fällt dabei herein. Anspielungen auf die unterdrückte Ehre ziehen immer, um neue Opfer für dunkle Zwecke zu gewinnen.

Dieter Kühn weicht im Sprachstil in einen seichten Surrealismus aus. Seine Erfindungen erwecken nicht den notwendigen Grad von Wahrscheinlichkeit. Die Bänkelsängerstrophen wirkten aufgesetzt. Die Inszenierung Günther Sauers allerdings gab durch eine suggestive Geräuschkulisse dem ersten Teil Tempo und Spannung.

Willi A. Koch