as deutsche Theater hat sich selbst in der Forderung des Marquis Posa das flammendste Freiheitsfanal geschrieben. Vor geraumer Zeit nannte Werner Finck mit spitzer und malizioser Zunge eines seiner Programme: ,Sire, geben Sie Gedanken!" Wo alle brettlhaften Frechheiten vor allem auf dem Bildschirm enden, wo die Politiker wohlig ins Fernsehauge schmunzeln, sobald sie von den Kabaretts attackiert werden, machen sich die bundesdeutschen Kleinkunstbtihnen mehr Gedanken fiber die Gedanken als tiber die Gedankenfreiheit. Steht auch das Theater vor ahnlichen Problemen? Rennt auch Thalia mit ihrer Gesellschafts- und Gegenwartskritik offene Turen ein? 1st Schillers Posa Satz, der beispielsweise im ,Dritten Reich" durchaus mehr war als nur ein goldenes Wort aus Buchmanns Hausschatulle, ebenfalls der Furcht gewichen, man besitze zwar Gedankenfreiheit, aber kaum theatralische Gedanken, um die Freiheit damit auszufullen? Kaum auf einem anderen Gebiet sche nt die Freiheit so unerschiittert wie auf dem der Kultur. Anders als die Publizistik kann das Theater, die Literatur nicht stolz auf eine vemarbte Wunde wie die Spiegel Aifare weisen. Auch ein Panorama Riickzug blieb den westdeutschen Biihnen bisher erspart. Wenn kein Staatsanwalt aus Kempten Bewegung in den Bikherwald bringt, um eine indische Liebeskunst, eineti englischen Roman zu bedrohen, diirfen die literarischen Mfihlen mahlen, manchrnal mit der zarten Einschrankung, dafi man sich verpflichtet, em Buch nur an reife Erwachsene weiterzugeben, dafi man es nur wissenschaftlich geniefien wolle oder Ahnliches.

Es gab auch beim Theater ein paar Kraftproben zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Beispielsweise versuchte man eine Zeitlang, zwischen der Auffiihrbarkeit Brechts und dem jeweiligen Verhalten der SED Regierung eine Gleichung zu ziehen: Brecht durfte immer dann gespiek werden, wenn die letzte Schandtat Ulbrichts wieder vergessen war, und er wurde von manchen Stadtvatern abgesetzt, wenn neue Komplikationen aus ,Ost West Beziehungen" auf ,Eisernen Vorhang" umzuschalten geboten. Brechts Stiicke haben aber auf die Dauer den — wenn man so sagen darf — langeren gezogen. Selbst in Westberlin gehort er zur Selbstverstandlichkeit; selbst die hartnackige Wiener Acht ist inzwischen aufgehoben. Die Zeiten, in denen ein bundesdeutscher Minister einem BrechtGastspiel seine Subventionen versagte — und es damit torpedierte (er kniipfte daran einen Vergleich zwischen Brecht und Horst Wessel), sind ausgestanden und vorbei.

Doch bringt uns das letzte Beispiel weiter, denn es taucht darin Glanz und Gefahr des deutschen Theaterbetriebs auf — beides ist in dem Zauberwort "Subventionen" begriindet. In der Spielzeit 196364 haben die bundesdeutschen Theater 300 Millionen Mark aus offentlichen Mitteln an Zuschiissen erhalten. Diese Zuschiisse sind inzwischen weiter gewachsen, Theaterleute aus den meisten anderen Landern blicken wegen dieser Subventionen neidvoll nach Deutschiand. Die Mittel der offentlichen Hand fiiefien nicht nur den Staatstheatern und stadtischen Biihnen zu, es gibt auch kaum ein wichtiges Privattheater, das nicht durch einen Zuschufi aus den Steuereinkunften unterstiitzt wiirde. Hans Daiber hat in seinem Buch ,Theater — eine Bilanz" umgerechnet, dafi fiir das derzeit relativ teuerste deutsche Theater, namlich in Krefeld, jeder Einwohner pro Kopf und Jahr auf dem Steuerumweg 34 70 Mark ausgibt.

Das Theater ist also, krafi ausgedriickt, ein schoner Luxus, den sich die offentliche Hand fiir uns, oder zehn Prozent von uns, leistet. Keine Biihne von wirklicher Bedeutung ware in Deutschiand lebensfahig, wenn Staat und Gemeinden den Geldhahn zudrehten. Damit ist auch die Freiheit des deutschen Theaters eine Subventionierte Freiheit.

Das hat mehrere Folgen. Gute und weniger gute. Eine der ersten ist das getriibte Freiheitsverhaltnis zwischen Parkett und Biihne. Denn so sehr der Zuschauer sein Mififallen auch kundgeben darf, indem er sich die Freiheit nimmt, zu buhen und zu pfeifen: Er bewirkt damit bestenfalls einen kraftigen Skandal, andert aber nichts an der Tatsache, dafi nicht er iiber die Spieldauer einer Auffiihrung entscheidet — sondern der Steuerzahler, der automatisch bezahlt, auch wenn er gar nicht daran denkt, ins Theater zu gehen. Das Risiko ist aus der Unmittelbarkeit des Parketts in die Mittelbarkeit der Steuerund Finanzausschiisse abgewandert. Erlaubt ist auch, was mififalk.

Die Folgen eines vollig freien Theatermarkts, bei dem die Publikumsgunst allein fiber den Spielplan entscheidet, waren freilich leicht abzusehen. Kein Theaterleiter konnte sich dann einer Auffuhrung des ,Land des Lachelns" oder der ,Lustigen Witwe" widersetzen, vielmehr wurden lauter Witwen und lauter Lander des Lachelns die zeitgenbssische Dramatik rasch in die Abgeschiedenheit von Nachtstudios vertreiben. Mit den Subventionen ist jedenfalls eines unerbittlich garantiert: der edukatorische Zug des deutschen Theaters, der die Leute oft zu ihrem literarischen Gliick zwingt, weil er ihnen in der Miete A 3 gnadenlos den literarischen Hohenflug zumutet. Denn das Theater ist nicht nur subventioniert. Es ist auch weitgehend ausabonniert. Argert sich ein Cast fiber das ihm Vorgesetzte, so kann er oft frfihestens zu Beginn der nachsten Spielzeit die Konsequenzen daraus ziehen, und so lange halt selbst ein kraftiger Arger meist nicht vor.

Gepolstert mit Subventionen, zugedeckt durch ein Abonnementssystem kaun also das Theater in aller Freiheit seiner Freiheit nachgehen. Von hier gesehen, ist die Freiheit den Intendanten in die Hand gegeben. Der Theaterbesucher ist ein Kunde, der weifi, dafi er das ihm zum Kauf angebotene Produkt wenig andern kann, weil er es nicht einmal zur Halfte aus der eigenen Tasche bezahlt. Im schlimmsten Fall kann die Freiheit zur Willkfir der Theaterleiter werden — und es ist ein altes Klagelied unter den Kritikern, dafi sie in dem Dreiecksverhaltnis Buhne—Publikum— Kritik langst nicht mehr am langeren Hebel sitzen, sondern den Wert einer Vorstellung nur noch ,idealistisch" attestieren: Der ,Verrifi" schafft keine leeren Hauser — und keine Konsequenzen.