Von Herman Meyer

Zu der Handvoll Germanisten, deren Namen gewiß, deren Bücher oft über alle Grenzen hinweg bekannt sind, gehört Herman Meyer, Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Amsterdam, dessen Werk "Das Zitat in der Erzählkunst" (Stuttgart, 1961) zu den bedeutenden Leistungen einer heute umstrittenen Wissenschaft gezählt werden muß. Die Umstrittenheit der Germanistik erscheint auch als Thema hinter dem Thema "Tradition und Ursprünglichkeit in Sprache und Literatur", unter das die Internationale Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft (IVG) ihren III. Internationalen Kongreß gestellt hat, der jetzt (vom 22. bis zum 28. August) in Amsterdam stattfindet. Wir drucken hier (in leicht gekürzter Fassung) das Eröffnungs-Referat, das Professor Meyer, der auch Präsident der IVG ist, auf dem Kongreß gehalten hat.

Zwischen Konzil und Kegelklub liegt der phänomenologische Ort des wissenschaftlichen Kongresses. Dies betrifft vor allem den Anspruch auf Gültigkeit und Dauer des jeweils in Sprache Verhandelten. Seinem Zweck und Anspruch nach unterscheidet sich der Kongreß vom Konzil, wo das Wort unter anderem dazu dient, die Glaubenswahrheiten zu definieren und auf unabsehbare Zeiten festzulegen. Andererseits wiederum ist der Kongreß kein Kegelklub, wo die zwischenmenschliche Rede nur aus dem Augenblicksbehagen geboren wird und ohne höhere Ambitionen in den Augenblick aufgeht. Das Wort des Kongresses beansprucht keine Ewigkeit und sogar keine. Säkularität, aber wohl will es über den Augenblick hinausreichen und teilhaben am Gange der Wissenschaft, an deren Entwicklung in die Zukunft hinein. Mehr noch: Es will diese Entwicklung in aller selbstkritischen Bescheidenheit mitbestimmen.

In der Literaturwissenschaft hat sich seit einigen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit für die einzelnen literarischen Werke merklich verschärft, und es haben sich die wissenschaftlichen Methoden verfeinert, durch welche die einzelnen Werke in ihrer dichterischen Ursprünglichkeit und unverwechselbaren Einmaligkeit ergründet und beschrieben werden können. Interpretation, ergozentrische oder werkimmanente Betrachtung, Stil- oder Strukturanalyse, Funktionalismus: Es gibt zwischen diesen Betätigungen interessante Nuancen und Unterschiede genug, aber stärker als das Unterschiedliche spricht die gemeinsame Grundhaltung, die auf die Ursprünglichkeit des Werkes gerichtet ist. Die ergozentrische Betrachtung hat in Forschung und Lehre dermaßen um sich gegriffen, manchmal auf Kosten des wissenschaftlichen Niveaus, daß sich bei manchen als Reaktion ein grämlicher Überdruß eingestellt hat. Oft kann man hören: Wir haben die Interpretation jetzt satt, sie hat sich erschöpft, es soll wieder mal etwas anderes kommen. Hier scheint mir ein verhängnisvolles Mißverständnis vorzuliegen. Die Breitenwirkung dieser Forschungsrichtung bedeutet nicht, daß sie die ihr möglichen Tiefen schon ausgelotet hätte. Die Strukturanalyse kann ihr Instrumentarium und dadurch ihre Ergebnisse noch unendlich verfeinern. Sie steht noch in den Kinderschuhen, und immenses Neuland liegt noch vor ihr. Sie hat ihren Weg erst angetreten und sollte nicht wie die beiden Ameisen von Joachim Ringelnatz vorzeitig auf den weiteren Teil der Reise verzichten.

Andererseits, und ebenso bezeichnend für die Forschungslage, hat die diachronisch-historische Betrachtungsart an Reichtum der Aspekte gewonnen. Dabei hat sich die Einsicht verstärkt, daß Tradition nicht eine nebensächliche und beliebige Zugabe zum literarischen Phänomen ist, sondern daß sie mit Notwendigkeit zum inneren Wesen der Literatur selbst gehört. Wenn in der historischen Betrachtung die etwas ausgelaugten Begriffe "Entwicklung" und "Einfluß" immer mehr das Feld räumen und dem Begriff der "Tradition" Platz machen, so ist das mehr als eine bloße Frage der Worte. Es zeichnen sich auch hier eine bestimmte Grundhaltung und Grundeinsicht ab, die sich in der Etablierung oder Verjüngung ganzer Forschungszweige auswirken. Ohne Vollständigkeitsanspruch seien hier nur die Erforschung der Rhetorik, der Emblematik, der Topoi und Motive, der Vers- und Strophengeschichte, des Stilwandels und der Formgeschichte genannt. Die wertpositive Macht der Tradition wird sichtbar in einer Vielzahl von Traditionen. Auch hier erwarten die Forschung auf ihren Entdeckungsfahrten durch noch fast unerschlossene Gebiete ungeahnte Abenteuer und reiche Ergebnisse, besonders wenn sie die manchmal drohende Gefahr einer gewissen Mechanisierung ihres Verfahrens und einer zu starken Verabsolutierung der einmal eingeschlagenen Richtung zu bannen weiß.

Es ist also nicht so, daß die beiden genannten Forschungsrichtungen Anlaß hätten, vor Altersschwäche je bei der anderen Schutz und Wärme zu suchen. Wohl aber wachsen sie durch innere Triebkraft aufeinander zu.

Vor etwa einem Jahrzehnt sah das noch anders aus: Sie waren nahezu feindliche Brüder oder doch solche, die sich nicht durch gemeinsames Interesse miteinander verbunden fühlten. Seitdem hat das gespannte Verhältnis vielerorts einer friedlichen Koexistenz Platz gemacht. Das mag menschlich sympathisch sein, aber wissenschaftssystematisch ist es fraglich, ob das – friedliche Nebeneinander genügt. Fruchtbare Weiterentwicklung unseres Faches scheint vielmehr dadurch möglich zu sein, daß aus der Koexistenz echte Kooperation wird, indem der Ursprünglichkeitsaspekt und der Traditionsaspekt – beide letzten Endes Aspekte einer und derselben Gegebenheit – resolut aufeinander bezogen und miteinander verbunden werden. Die Zeichen mehren sich, daß dieser Weg wirklich gangbar ist. Gerade von den bedeutenderen Untersuchungen der letzten Jahre bewegen sich manche in dieser Richtung.