Von Ossi Brucker

Mit dem "calcio", einer Kombination von Fußball, Handball und Rugby, das in Italien schon im Mittelalter gespielt wurde und das Spiel der Florentiner war, ist folgende historische Episode verknüpft, auf die man in Florenz heute noch stolz ist:

Als Kaiser Karl V. (1500–1558) im Jahre 1529/30 mit seinen Truppen Florenz angriff, spielte der Florentiner Adel trotz des feindlichen Beschüsses auf dem Platz vor der Kirche "Santa Croce", in der Michelangelo später beerdigt wurde, sein geliebtes Spiel "calcio". In der Zeit der Belagerung, der Hungersnot und der Pest wurde das Volk von Florenz durch dieses fußballähnliche Spiel unterhalten und zu weiterem Widerstand angespornt. Trotz des Feuers der kaiserlichen Truppen vergnügten sich die Florentiner beim Spiel, und niemand schien sich um die großen Steinkugeln zu kümmern, die in die Stadt geschossen wurden. Durchhaltemoral an einem Fußballspiel exerziert.

Zur Erinnerung an diesen Tag, an dem man die feindlichen Truppen mit dem Ballspiel "calcio" verhöhnte, veranstalten die Florentiner alljährlich drei "Fußballspiele", die, von einigen geringfügigen Änderungen abgesehen, noch ganz und gar dem damaligen Vorbild entsprechen. Freilich, es ist kein Fußball im heutigen Sinne mit seiner abstrakten Dramatik, sondern ein farbenprächtiges Schauspiel, zu dem Tausende in jedem Sommer nach Florenz kommen. Schon die Auslosung der gegnerischen Mannschaften, die in der Zwischenzeit auf vier erhöht wurden, ist ein Fest besonderer Art. Gelost wird hier, wer gegen wen in den beiden ersten Spielen, die im Amphitheater des Boboli-Gartens und auf dem Platz der Signoria ausgetragen werden, anzutreten hat. Die Sieger aus diesen beiden Vorentscheidungen treten dann am Johannistag, dem Fest Johannes des Täufers, des Stadtpatrons, auf der Piazza della Signoria zum Hauptkampf gegeneinander an. Bei den Teams handelt es sich um Mannschaften mit je 27 Spielern der vier Florentiner Stadtteile, von denen jede seit altersher eine eigene Farbe hat. Die Weißen repräsentieren das Viertel von Santa Spirito, die Blauen das von Santa Croce, die Roten das Santa-Maria-Viertel, und die grüne Mannschaft kommt aus dem Viertel San Giovanni.

Dem eigentlichen "Calcio fiorentino", bei dem die siegreiche Mannschaft eine junge, weiße Kuh erhält, geht ein historischer Festzug voraus, der die Leute teilweise noch mehr in Spannung versetzt, als das anschließend folgende "wilde Spiel um den Ball". Im Klosterhof von Santa Maria Novella versammeln sich nicht nur die Spieler, sondern der gesamte Festzug. Alle Teilnehmer tragen historische Kostüme des 16. Jahrhunderts, und an der Spitze des farbenprächtigen Zuges wird das Stadtbanner mit der Lilie auf weißem Feld getragen.Dahinter schreitet gravitätisch der Feldmeister im Samtkleid und natürlich wippen die Federn auf dem Barett! Es folgen die Fußtruppen, Trompeter und Fahnenträger, die städtischen und militärischen Würdenträger in blanken Rüstungen und historischen Kostümen, Soldaten mit Brustpanzern und vieles andere mehr. Am Schluß des Zuges kommt der Ballträger, ebenfalls in farbiger Tracht mit rotem Barett, er trägt zwei Bälle in den Farben der beiden Mannschaften. Ihm folgen die Kampf- und Linienrichter, Fanfarenbläser, Offiziere zu Fuß und zu Pferd. Besonders herzlichen Beifall erhalten die beiden Mannschaften, die wie alle anderen Festzugteilnehmer Renaissancekostüme tragen.

Nachdem der historische Zug, an dessen Ende ein Herold eine reichgeschmückte weiße Kuh führt, auf dem Festplatz, dem Piazza della Signoria, angekommen ist, werden die einzelnen Gruppen den Behörden vorgestellt. Nach dieser Zeremonie eröffnet der rotgekleidete Feldmeister, der später das Amt eines Schiedsrichters übernimmt, das Spiel. Es geht nun darum, den Ball über die angegrenzte Linie zu bringen. Das Spiel, mehr ein Kampf um den goldlackierten Ball mit Händen und Füßen, mit Kopf und Körper, dauert eine ganze Stunde, ohne Pause. Pausen entstehen lediglich, wenn der Ball unter dem raufenden Menschenknäuel, einem Haufen von Leibern, begraben ist. Je wilder es dabei zugeht, desto größer ist der Jubel der Zuschauer, und daß es meist toll zugeht, bedingen schon die Regeln, denn die Florentiner spielen ja nicht nach den heutigen Fußballregeln, sondern ihr Spiel ähnelt mehr dem Rugby. Es ist fast alles erlaubt, um den Ball ins Feld des Gegners zu treiben. So war es früher und so ist es heute noch. Natürlich gibt es auch bei dieser Art Spiel, das mit südländischer Leidenschaft ausgetragen wird, für die Zuschauer. interessante Szenen, zumal die in mittelalterlichen, bunten breitgestreiften Pumphosen gekleideten Spieler die Sache mit sehr viel Ernst betreiben. Ist eine "Jagd" beendet, das heißt, ist es einer Mannschaft gelungen, den Ball über die Querstange hinauszuschießen, wird – damit alle Welt von dieser Leistung Kenntnis erhält – aus einer alten Kanone ein Schuß abgefeuert. Das Spiel geht weiter, und meist triumphiert dabei nicht die rohe Kraft, sondern die Mannschaft, die ihre Aktionen durch plötzlich ausgelöste, blitzartig vorgetragene Angriffe zu würzen versteht.

Sobald das Spiel vorbei ist, versammeln sich die Teilnehmer erneut auf dem Rathausplatz und noch einmal folgt die malerische Zeremonie. Zurück geht es in den Klosterhof von Santa Maria Novella. Stolz und elegant läßt der Ballträger das runde Leder der siegreichen Mannschaft auf den Fingerspitzen tänzeln, so daß alle Zuschauer am Rande der Straße sofort an der Farbe des Balles erkennen können, welches Florentiner Viertel das Match gewonnen hat und wem der Siegespreis, die weiße junge Kuh, gehört.

Wenn früher solche fußballerischen Festlichkeiten in Florenz hauptsächlich zu Ehren von großen Gästen gegeben wurden, so bilden die Spiele heutzutage, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu einem großen Volksfest der Florentiner geworden sind, vor allem eine Attraktion für die vielen Feriengäste, die auch im Sommer Florenz aufsuchen.