Mehr und mehr überschattet die Bundestagswahl das Geschäft auf den Wertpapiermärkten. Die Anlageneigung ist sowohl bei den festverzinslichen Papieren als auch bei den Aktien stark gesunken. Jedermann will das Wahlergebnis abwarten, bevor neue Dispositionen getroffen werden. Einig ist man sich allerdings in der Auffassung, daß selbst bei einem Sieg der bisherigen Regierungskoalition keine nennenswerte politische Hausse zu erwarten ist. In den Börsensälen liegen die Wahlschätzungen zur Zeit so: CDU 44 Prozent, SPD 42 Prozent, FDP 9 Prozent.

Größere Schwankungen sind auf den Aktienmärkten in den letzten Wochen ausgeblieben. Eine Ausnahme bildete die Veba-Aktie, die sich für die Regierung zu einem negativen Wahlschlager entwickelt hat. Kein Fehler, den man bei einer Börseneinführung machen kann, wurde hier ausgelassen. Der Mitverantwortung hierfür kann sich das Bankenkonsortium schwer entziehen. Es mußte wissen, daß nicht nur der Ruf der Veba selbst, sondern auch der eigene auf dem Spiele steht. Wenn sich, wie behauptet wird, der Bund – vertreten durch das Bundesschatzministerium – gegenüber den Ratschlägen des Konsortiums ablehnend verhielt, dann brauchte sich das Konsortium damit keineswegs abzufinden.

Obgleich die Mehrzahl der Banken in der Sitzung, in der über die Festsetzung des Ausgabekurses für die Veba-Aktie entschieden wurde, der Ansicht war, mit 210 Prozent sei die oberste Grenze des Verantwortbaren erreicht, wurde die Veba-Aktie zum stolzen Kurs von 226 Prozent in den amtlichen Börsenhandel eingeführt. Dieser Preis bildete sich allein auf Grund von Angebot und Nachfrage; eine Beeinflussung war ausgeschlossen, weil versäumt worden war, rechtzeitig einen Dispositionsfonds zu schaffen, mit dessen Hilfe unerwünschte Kurssteigerungen hätten verhindert werden können. Aber sie blieben zur Überraschung der Banken nicht aus. Doch eigentlich hätte man durch den vorbörslichen Handel gewarnt sein müssen, in dem vorübergehend Preise von 270 Mark je Veba-Aktie bezahlt worden waren. Innerhalb weniger Tage nach der Börseneinführung stieg der Veba-Kurs auf 241 Prozent. Einige Eigentumspolitiker, die "ja schon immer der Meinung waren, daß die Veba viel mehr als 210 Prozent wert sei", liefen mit stolzgefüllter Brust einher. Der Kurs von 241 Prozent war aber kein Grund, stolz zu sein, sondern Anlaß zu berechtigter Sorge. Viel zu spät wurde das endlich auch vom Bundesschatzministerium erkannt, das dann zaghaft einige Veba-Aktien bereitstellte.

Als die "insiders" von der Kursbremse erfuhren, stiegen sie schleunigst aus, denn für sie war in den Veba-Aktien nun nichts mehr "drin". Die Zeichner, die bis dahin nur spärlich verkauft hatten, bekamen es daraufhin mit der Angst und versuchten zu retten, was zu retten war. Der Kurs fiel rasch auf 226 Prozent zurück. Auf dieser Basis wurde eine Stützung versucht. Als sie jedoch mehr Geld zu kosten begann, als man sich vorgestellt hatte, zog man es vor, das Papier wieder dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen. Es sank bis zum Wochenbeginn in die Nähe von 215 Prozent. Erst dann schien den Verantwortlichen klar geworden zu sein, daß etwas getan werden mußte.

Rund 75 000 Veba-Aktionäre hatten bis dahin ihre Aktien wieder verkauft. Sie waren gründlich verschnupft. Zu Unrecht allerdings, wenn man den Worten von Bundesarbeitsminister Theodor Blank folgt, der seelenruhig meinte, daß bei "so geringen" Kursschwankungen nicht der mindeste Anlaß zur Kurspflege besteht. Nun, ob Kursschwankungen von 10 Prozent und mehr innerhalb von drei Wochen gering sind, kommt auf den Geschmack der Betroffenen an. Wer sein sauer erspartes Geld in Veba-Aktien angelegt hat, wird sicherlich anders denken als ein Minister, der wahrscheinlich keine Veba-Aktien zeichnen konnte.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Hier soll keiner generellen Kursstützung das Wort geredet werden. Der Aktienmarkt ist kein Naturschutzpark, und Kursstützungen haben nur selten den gewünschten Dauererfolg. Bei Einführungen in den amtlichen Börsenhandel müssen aber gewisse "Anstandspflichten" gewahrt werden. Dazu gehört, daß der Börseneinführungskurs zumindest eine Zeitlang gehalten und nicht unterschritten wird. Man mag einwenden, daß eine "moralische Verpflichtung" zum Eingreifen erst besteht, wenn eine Aktie unter den Zeichnungskurs zu sinken droht. Dann wäre es allerdings besser gewesen, wenn der Börseneinführungskurs nahe dem Zeichnungspreis gelegen hätte. Ist es denn unbedingt nötig, dem kleinen Aktiensparer schon nach wenigen Tagen vorzuführen, wie "windig" es an der Börse zugeht? Auf die Veba-Teilprivatisierung ist viel Mühe und Geld verwandt worden. Ziel war es, die Idee des Aktiensparens voranzubringen. Einen großen Teil davon kann man bereits in den Schornstein schreiben. Das ist um so ärgerlicher, als die begangenen Fehler hätten leicht vermieden werden können und dies vermutlich auch nicht mehr Geld gekostet hätte, als die Veba – völlig unschuldig an dem Debakel – nun aufbringen muß, um den Markt ihrer Aktien wieder in Ordnung zu bringen. Kurt Wendt