Von Franz Schürholz

Hochwasser und Sturm genügten kürzlich, um die ENI-Pipeline am Bodensee aus ihrer losen Verankerung zu reißen und fünfzehn Meter weit auf die Bahnstrecke Lindau–Bregenz zu schleudern. Da die Ölfernleitung (Genua–Ingolstadt), die über zehn Kilometer am Bodensee entlang verläuft, noch nicht in Betrieb ist, entstand kein größerer Schaden. Aber schon ein kleines Leck in der vollendeten Pipeline würde genügen, daß Öl in den Bodensee fließt und damit die Trinkwasserversorgung für mehr als zwei Millionen Menschen gefährdet. Die ENI-Ölleitung am Bodensee ist in der Landespolitik zu einem Politikum ersten Ranges geworden; die Frage, wie die Natur vor einer sich für die Menschen katastrophal auswirkenden Zerstörung geschützt werden kann, stellt sich hier am Bodensee besonders deutlich. Franz Schürholz macht hier Vorschläge, die für eine Landesplanung im ganzen Bundesgebiet überlegt werden sollten.

Wo immer der schon überraschend kongenial werdende Kreis der Vertreter von Vereinen für Natur- und Landschaftsschutz zusammenkommt, wird die Natur aus den verschiedensten Aspekten liebevoll schützend umarmt: aus der Schau des Biologen, der auf die körperlichen und seelischen Regenerierungsaufgaben hinweist, aus dem Blickwinkel der Wald-, Wasser- und Florabesorgten, aus den Notwendigkeiten der Lärm- und Schmutzbekämpfung, aus der Aufgabensicht der Orts- und Bezirksplaner und schließlich auch, wie es letzthin auf einer Sondertagung der evangelischen Akademie in Bad Boll geschah, aus der "Verantwortung des christlichen Menschenbildes So viel – so gut. Doch zu dem "Ja" zum Naturschutz gehört dringlich das "Aber". Unser Land geht uns sonst, samt jener "Natur und Landschaft", vor die Hunde, und den Schützern bleibt nichts mehr zu schützen übrig.

Eine bessere Verständigung über die Begriffe tut zunächst not. Warum ist der Begriff "Land" besser, deutlicher, übergeordneter und auch vor Gefühlsverirrungen weniger gefährdet als "Natur"? Schon vor einigen Jahrzehnten hat der mit anderen vorausschauende Rudolf Schwarz in seinem Buch "Die Bebauung der Erde" vor den Gefahren romantisierender Abirrungen gewarnt, wenn "Natur" allzu sehr als gleichbleibender Wert an sich, als gewissermaßen unveränderliches und daher ewig zu hütendes Geschenk der Schöpfung betrachtet, sakrosankt wird und damit in die bekannte Spiellandschaft der Urkraft suchenden Naturfreunde eingeht. Der bedeutsame Zusammenhang, den Schwarz einsichtig zu machen versuchte: was eigentlich Natur wäre, wenn sie nicht von Menschenhand genutzt, gestaltet, korrigiert und geplant worden wäre und stets weiter unserer formenden Lebensarbeit aufgegeben sei, entzieht sich immer wieder unserem Denken und Tun. Wie schwer würde es zum Beispiel vielen Schutzbeflissenen eingehen, wenn ein Wald an der bisherigen Stelle abgeholzt und aus Gründen eines schöneren Landschaftsbildes oder besser geeigneter Bodenverhältnisse an anderer Stelle neu angepflanzt würde. Es gibt andere Beispiele ohne Zahl, die zeigen könnten, daß Natur weithin Gestaltung, Darbietung der Erde für menschliche Arbeit und menschliche Freuden ist. Um den mißbrauchten Begriff des Lebensraumes zu vermeiden, wird also besser vom Ganzen, vom "Land" gesprochen, das alle Elemente unseres biologischen Daseins (Boden, Wasser, Luft) umfaßt und das uns einzelnen Menschen und den von uns eingesetzten Wächtern und Gestaltern, den politischen Körperschaften, anvertraut ist.

Und ein weiterer notwendiger Maßstab: Unser Land, dieses kleine Fleckchen Erde auf dem Globus, auf dem wir siedeln, erträglich wohnen, arbeiten, den Atemzug gesunder Luft, das unverdorbene Wasser für Nahrung und Erholung holen wollen und aus dessen Formen- und Schönheitsreichtum uns Lebensfreude und nationale Prägekräfte zuströmen sollen, ist höchst gefährdet. Das nämlich ist die große Bedrohung unserer Zeit, die allmählich die Menschen wachruf:, die vielen lokalen und zentralen Hilfsstellen tätig werden läßt, um die durch Verkehr, Industrie, Bebauung, Militäraufgaben und Bevölkerungsdichte zusammenschrumpfenden oder in ihrer Wertsubstanz geschwächten Lebensgrundlagen zu schützen. Seit vielen Jahren haben beste Köpfe die Dinge beim rechten Namen genannt, sich nicht an der Herstellung von Pflästerchen beteiligen mögen und zentrale gesetzliche Regelung, eine Planungsspitze mit Vollzugsgewalt gefordert. Was in Jahrzehnten aus der Arbeit des Ruhrsiedlungsverbandes mindestens modellhaft Wirklichkeit wurde, will heute geschlossen auf das ganze Land Bundesrepublik angewendet werden. Denn, so riefen es bekannte Baumeister, Städtebauer und Landschaftsgestalter (so Hebebrand in Hamburg, Hillebrecht in Hannover, Ernst May in Frankfurt, Rossow in Berlin, Schwippert in Düsseldorf und andere) aus: Das deutsche Land ist Ausbeutungsprojekt für partielle Interessen geworden, es muß vor der Landzerstörung gerettet werden.

Die Alarmrufe verhallen. Richtige Erkenntnisse, auch die unleugbaren Gemeinschaftsaufgaben zum Schutze von Boden, Luft und Wasser wurden nicht ausgewertet. Ihre Inangriffnahme scheiterte am fehlenden politischen Gemeinsinn, auch an der Verteilung von Kompetenzen zwischen Bund und Ländern. Der Gedanke an sich und die Bedrängnisse der Fakten bohren aber weiter.

Welches aber sind die wichtigsten Aufgaben? Vielleicht können nachstehende Thesen der Klärung dienen oder mögen zu weiteren Diskussionen anregen: