Die Sozialdemokraten haben den Zweikampf Erhard–Brandt nicht verhindern können. In der Endphase des Wahlkampfes wird die Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Parteien zwangsläufig immer mehr zu einem Duell zwischen dem Kanzler und dem Kanzlerkandidaten. Die Christlichen Demokraten haben auf diese Entwicklung gebaut, die SPD hat sie gefürchtet. Spätestens in Dortmund aber haben sich die Sozialdemokraten dieser Herausforderung gestellt. Helmut Schmidt attackierte 45 Minuten lang den "Volkskanzler", den Mann, der "im Wappen einen Wackelpudding führen sollte". Mit ebenso kräftigen Farben schilderte er die Vorzüge des SPD-Vorsitzenden.

Obgleich die SPD weiß, daß die Popularität ihres Kandidaten seit der letzten Bundestagswahl gesunken ist, scheint sie diese Konfrontation nicht mehr zu scheuen. Sie hofft darauf, daß die Popularitätskurve Ludwig Erhards noch erheblich schneller sinkt als die Willy Brandts. Eine Untersuchung, die in der vergangenen Woche an der Hamburger Universität fertiggestellt wurde, stützt diese These. Angehörige des psychologischen Seminars der Universität testeten das "Erhard-Image" der Studenten von 1963 bis heute. Das Ergebnis: Vor zwei Jahren hielten die Studenten, wie die überwiegende Mehrheit der Wähler, Ludwig Erhard für einen beinah idealen Kanzler. Dieses klare, positive Bild hat sich von Umfrage zu Umfrage verändert und ist schließlich zum Zerrbild geworden. Heute ist Erhard in den Augen der Studenten beinah der "Idealtyp" eines für das Kanzleramt völlig ungeeigneten Menschen. Nicht nur Konrad Adenauer, sondern auch Willy Brandt schnitten bei den Befragungen dieses Jahres erheblich besser ab als der amtierende Bundeskanzler.

Die Polit-Psychologen glauben, daß die noch immer viel zitierte Umfrage des Allensbacher Instituts vom Januar dieses Jahres ihrem Untersuchungsergebnis nicht widerspricht. Damals waren die Befragten vor die Alternative gestellt worden: "Wer wäre Ihnen nach den Bundestagswahlen jetzt im Herbst lieber: Erhard oder Brandt?" 49 Prozent votierten für Erhard, 25 Prozent für Brandt, und 26 Prozent waren unentschieden.

In Hamburg stellte man fest, daß die entscheidende Veränderung des Erhard-Bildes erst in den vergangenen drei Monaten stattgefunden hat. Außerdem benutzten die Hamburger Psychologen bei ihrer Untersuchung eine andere Methode als das Allensbacher Institut bei seiner Umfrage. Sie arbeiteten mit einem "Polaritätsprofil".

Durch diese in Amerika seit langem erprobte und in der Bundesrepublik durch Professor Hofstätter bekannt gewordene Methode wird versucht, auch das "politische Unterbewußtsein" der Befragten freizulegen. Ihnen wird eine Liste mit 25 Paaren gegensätzlicher Eigenschaftswörter vorgelegt. Beispiel: verschwommen – klar. Auf einer Beurteilungsskala mit sieben Abstufungen müssen sie die Person, nach der sie gefragt werden, einordnen. So bedeutet bei der Polarität klar – verschwommen:

+ 3 ... sehr klar

+ 2 ... ziemlich klar