Johnson hat es geschafft: Zum erstenmal seit acht Jahren weist die amerikanische Zahlungsbilanz wieder einen Überschuß aus. Zwar ist dieser Überschuß (248 Millionen Dollar im zweiten Quartal 1965) recht bescheiden, zwar wurde diese Entwicklung durch einige Zufälligkeiten begünstigt – aber immerhin haben die "Maßhalte-Appelle" des Präsidenten gewirkt.

Für uns bedeutet der Umschwung in der amerikanischen Zahlungsbilanz, daß eine ständige Quelle der Liquidität zumindest zunächst einmal versiegt ist. Jahrelang waren die Dollars nach Europa geflossen (vor allem durch die hohen Auslandsinvestitionen der amerikanischen Großunternehmen) und hatten hier die Konjunktur und manchmal leider auch den Preisauftrieb auf Touren gehalten.

In der Bundesrepublik hat man allen Anlaß, diesen Tendenzwandel in der amerikanischen Zahlungsbilanz zur Kenntnis zu nehmen. Nicht nur, weil damit die für viele Unternehmen doch recht bequeme Zeit der Dollarschwemme zu Ende geht. Mehr noch, weil wir aus den Erfahrungen der Amerikaner lernen könnten.

Um es noch einmal zu wiederholen: Die Amerikaner haben acht Jahre gebraucht, bis sie wenigstens einmal für drei Monate wieder eine aktive Zahlungsbilanz vorlegen konnten. Heute ist die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik passiv, aber wir, sind nur allzu leicht bereit, uns in der trügerischen Sicherheit zu wiegen, das seien nur "vorübergehende Einflüsse". Dabei werden in der Argumentation Tatsachen munter durcheinander geworfen, nur damit man die unbequeme Wahrheit nicht sehen muß.

Das Defizit in der Handelsbilanz vom Juni hatte weithin alarmierend gewirkt. Aber seit im Juli wieder ein Exportüberschuß von 122 Millionen Mark erzielt worden ist, glaubt man sich wieder beruhigen zu können. Die "Frankfurter Allgemeine" hat die "voreiligen Pessimisten" getadelt, die "eilfertig von der großen Wende gesprochen" haben. FAZ: "Der Juli... hat jetzt bewiesen, daß die Unkenrufe verfrüht waren."

Hier sind jedoch nicht die Pessimisten, sondern die Optimisten voreilig: Der Juli hat ganz im Gegenteil bewiesen, wie berechtigt die Warnungen sind. Niemand hatte erwartet, daß die Bundesrepublik nun Monate hindurch ein Exportdefizit aufweisen würde. Entscheidend ist doch, daß ein Exportüberschuß von 120 Millionen Mark bei weitem nicht ausreicht, um unsere Zahlungsbilanz auszugleichen.

Wer das Ergebnis eines einzelnen Monats zur Grundlage einer Analyse macht, handelt leichtfertig. Das Juni-Defizit war nur deshalb alarmierend, weil es einen langfristigen Trend kraß sichtbar gemacht hat. Und an diesem langfristigen Trend hat der Juli-Überschuß nichts geändert. 1964 haben wir einen Außenhandels-Überschuß von 6 Milliarden Mark zum Ausgleich der Zahlungsbilanz gebraucht. 4,6 Milliarden Mark davon hatten wir bis zum Juli 1964 zusammen – in diesem Jahr jedoch bisher nur 1,2 Milliarden Mark.

Wer jetzt beschwichtigt, frohlockt zu früh. Entscheidend ist, daß wir seit Jahresbeginn über zweieinhalb Milliarden Mark Devisen verloren haben. Diether Stolze