Von Ulrich Lohmar

Clemens Münster (Herausgeber): Die Bundesrepublik heute. Eine Bestandsaufnahme in Beispielen; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 273 Seiten, 19,80 DM.

Fritz Kopp: Kurs auf ganz Deutschland? Die Deutschlandpolitik der SED; Seewald Verlag, Stuttgart; 345 Seiten, 19,80 DM.

Deutschland ist das Thema dieser beiden Bücher. Clemens Münster und seine Mitautoren Hans Heigert, Wolfgang Kahle, Edmund Wolf, Dagobert Lindlau und Hans-Werner Richter beschreiben, was sie in der Bundesrepublik und in Berlin beobachtet haben. Bonn, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf und Berlin sind ihnen Beispiele, Westdeutschland zu charakterisieren. Die Darstellung ist kritisch und distanziert, die Sprache frei von ideologischem Engagement.

Fritz Kopp analysiert die Politik der SED. Die Terminologie des ideologischen Kampfes bestimmt seine Darstellung nicht nur dort, wo er zitiert. Er kann sich weniger auf eigene Beobachtungen stützen, Dokumente der SED vor allem sind seine Quellen. Seine Frage richtet sich wie die der Beobachter des westlichen Teiles unseres Landes darauf, welche Zukunft Deutschland haben mag.

Kopp findet, in der Bundesrepublik würden die Ansprüche der SED und ihrer "DDR", sie sei der legitime, allein berufene deutsche Staat, im allgemeinen weder gründlich behandelt noch auf ihr Gewicht hin geprüft. Er hält das für einen schwerwiegenden Fehler: "Grundsätzliche Äußerungen der sowjetzonalen Regierungsorgane wie der SED-Führung beweisen, daß die Behauptung von der Gleichberechtigung der beiden deutschen Staaten nur die erste Stufe des sowjetzonalen Anspruchs gegenüber der Bundesrepublik war und ist. Die zweite, die wesentliche Stufe des sowjetzonalen Anspruchs ist die Behauptung, der Sowjetzonenstaat sei der rechtmäßige, sozial fortschrittliche und geschichtlich erwählte Staat aller Deutschen, deshalb müsse von ihm die Demokratisierung und die nationale und soziale Befreiung der Bevölkerung der Bundesrepublik ausgehen." Kopp belegt diese These an Hand der Deutschlandpolitik der SED seit Kriegsende, und manche der von ihm ausgewerteten Dokumente sollten der kritischen Aufmerksamkeit in Bonn sicherer sein können, als es oft den Anschein hat. Die SED hat eine präzise Vorstellung davon, wie Deutschland aussehen soll. Man muß dieses Bild kennen, wenn man sich kritisch damit befassen will.

Hat aber auch die Bundesrepublik ein Bild von Deutschland? Hans Heigert ist skeptisch: "Die Bundesrepublik ist noch nicht zu einem stabilen Staatswesen herangewachsen. Sie hat keine Vergangenheit, nur eine vage und unsichere Gegenwart und noch immer keine Vision von der Zukunft... Das Bemühen darum verlor sich im Alltag der Routine." Edmund Wolf fügt dem hinzu: "In den letzten zwei Jahrzehnten wurde ein Klima reicher kultureller Anregungen geschaffen, aber kein Glaube, außer dem an das materialistisch Erfaßbare und materiell Lohnende. Und so marschiert die Jugend – mit großem Gepäck – durch eine reiche, eine überreiche Landschaft; nur sind die Straßen und Wege überwuchert, und es fehlen die Wegweiser."