Paul Zaunerts „Deutsche Märchen seit Grimm“ in der (damals zweibändigen) Ausgabe gehörten mit zu den ersten Bänden der vor mehr als fünfzig Jahren bei Eugen Diederichs eröffneten Sammlung „Märchen der Weltliteratur“. Als Ergänzung zu den Kinder- und Hausmärchen gedacht, boten sie eine Auswahl der schönsten und interessantesten Stücke vornehmlich aus den um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zahlreich erschienenen Märchensammlungen einzelner deutscher Stämme und Landschaften dar, wobei Zaunerts Augenmerk insbesondere jenen Gegenden gegolten hatte, die von den Brüdern Grimm nicht oder nur spärlich berücksichtigt worden waren.

Die beiden Bände, bis in die dreißiger Jahre hinein mehrfach neu aufgelegt, enthielten denn auch eine Fülle bis dahin kaum bekannter, doch höchst ergötzlicher und bemerkenswerter Texte, auf deren Wiederveröffentlichung innerhalb der neuen Gesamtreihe der Märchen der Weltliteratur ihre Freunde seit langem gewartet haben. Die jetzt vorliegende neue Ausgabe, auf einen einzigen Band reduziert und um die bislang vermißten Herkunftnachweise ergänzt, ist das Ergebnis einer abermaligen, umsichtig und mit glücklicher Hand getroffenen Auswahl, die es verdiente, über den Kreis der eigentlichen Sammler und Liebhaber hinaus bekannt zu werden:

„Deutsche Märchen seit Grimm“, herausgegeben von Paul Zaunert, bearbeitet und mit Nachweisen versehen von Elfriede Moser-Rath; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 356 S., Hin. 14,80 DM, Ldr. 32,– DM.

Gleichfalls bei Diederichs ist als weiterer Band der nunmehr zwei Dutzend Titel umfassenden Märchensammlung eine Auswahl chilenischer Volksmärchen erschienen, die ihr Herausgeber zum Großteil erst während der letzten Jahre aus allen Winkeln des Landes zusammengetragen hat:

„Chilenische Volksmärchen“, gesammelt und herausgegeben von Yolando Pino-Saavedra; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 288 S., Hin. 14,80 DM, Ldr. 32,– DM.

Die chilenischen Volksmärchen sind eindeutig spanischer Herkunft, sie haben sich seit den Zeiten der Eroberung und Kolonisierung des Landes in ihrem Kern unverändert erhalten. So kommt es, daß heute in Chile mitunter noch Märchen erzählt werden, deren spanische Vorlagen auf der Iberischen Halbinsel mittlerweile längst in Vergessenheit geraten sind. Aber von diesem in erster Linie für die Märchenforschung interessanten Aspekt ganz abgesehen: auch wer lediglich als ein Freund ursprünglich-vitaler Erzählkunst zu den chilenischen Märchen greift, wird bei ihrer Lektüre auf seine Rechnung kommen.

Otfried Preußler