Von Joachim Schwelien

Washington, im September

Genau vier Monate und eine Woche nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges konnte in San Domingo die blumenreich als „Akt der Versöhnung“ bezeichnete Vereinbarung unterzeichnet werden, mit der die Militärjunta des Generals Imbert Barrera und die der verfassungstreuen Aufständischen des Obersten Caamano von der Bühne abtraten und einer Übergangsregierung unter dem vorläufigen Präsidenten Dr. Hector Garcia-Godoy Platz machten.

Die Übergangsregierung soll in neun Monaten allgemeine Wahlen abhalten lassen, die Verwaltungseinheit der von Demarkationslinien durchzogenen Hauptstadt San Domingo wiederherstellen, eine Generalamnestie für politische Häftlinge und die Wiederaufnahme der am Aufstand beteiligten Soldaten und Offiziere in die Armee verwirklichen sowie schließlich mit der Organisation Amerikanischer Staaten den Abzug der interamerikanischen Streitmacht von vorläufig noch 9500 amerikanischen Fallschirmjägern und 2500 Mann aus vier lateinamerikanischen Nationen vorbereiten. Garcia-Godoy ist die ungemein schwierige Aufgabe anvertraut, der Dominikanischen Republik den inneren Frieden wiederzugeben, damit Wirtschaft und Verwaltung wieder funktionieren und die Grundlage für eine stabile demokratische Ordnung geschaffen wird.

Wie kompliziert das ist, zeigte sich bereits in den ersten Tagen nach seinem Amtsantritt. Eine wirkliche Versöhnung zwischen der Generalclique und den Aufständischen ist trotz der Freilassung von einigen hundert politischen Gefangenen auf beiden Seiten nicht erfolgt. Rund zwölftausend Schußwaffen und anderes Kriegsgerät befinden sich noch im Besitz der verfassungstreuen Aufständischen, und in den Kasernen von San Isidro hält der rechtsradikale General Wessin y Wessin nach wie vor den Kern der gut ausgerüsteten dominikanischen Kampftruppen fest in seinem Griff. Die Kampfhähne würden wohl ohne weiteres wieder aufeinander losgehen, wenn die provisorische Regierung Garcia-Godoys nicht die Rückendeckung der interamerikanischen Interventionstruppe hätte.

Nicht die guten Vorsätze der Versöhnur.gsakte, sondern nur eine behutsame, schrittweise Verwirklichung des Programms, das Botschafter Ellsworth Bunker, Mitglied des interamerikanischen Drei-Nationen-Ausschusses in San Domingo, konsequent verfolgt, kann der geplagten Inselrepublik wieder Ruhe bringen. Nach diesem Programm soll Dr. Garcia-Godoy – ein politisch farbloser. Mann, der Außenminister unter Präsident Bosch war und bedeutende Erfahrungen als Wirtschafter und Anwalt hat – gleichzeitig gegen die extreme Linke und gegen die extreme Rechte operieren lassen und die demokratische Mitte festigen. Der provisorische Präsident hat den Amerikanern zugesagt, mit den rund hundert Spitzenfunktionären der nach Peking, nach Havana und nach Moskau orientierten kommunistischen Organisationen kein Federlesen zu machen. Aber er wird auch die Rückendeckung der USA genießen, wenn er die Generale entmachtet und Wessin ins Ausland schickt. Die Absicht Washingtons ist es, die für die Landesverteidigung viel zu große dominikanische Armee von rund 40 000 Mann zum größten Teil in eine nationale Berufspolizei umwandeln zu lassen, damit die mit der kleinen Finanz-Oligarchie verfilzten Generale sie nicht mehr als ihre Bürgerkriegslegion einsetzen können. Gelänge es, so wäre ein erster Schritt zur Befriedung getan.

Die Maßnahmen gegen die linke und rechte Radikale müssen freilich Hand in Hand gehen. Garcia-Godoy muß die Balance wahren und vermeiden, daß eine der beiden Extreme auch nur vorübergehend die Oberhand zurückgewinnt. Die Stärkung der demokratischen Gruppen, die in den 38 Jahren der Trujillo-Diktatur dezimiert worden sind und in den konfusen Monaten der Regierung Bosch noch nicht recht Wurzel schlagen konnten, muß die Ausschaltung der Extremisten begleiten.