Von Theo Sommer

Die einen erblicken in seiner Ernennung zum Personalchef der Bundeswehr einen großen Sieg – „Erstmalig werden Soldaten im Personalwesen für mündig erklärt!“ triumphierte der Generalleutnant Meyer-Detering. Die anderen sehen in der Generalslösung eine verfassungspolitische Niederlage ersten Ranges – etwa Richard Jaeger, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, von dem es heißt, er habe seinen Ausschußvorsitz niederlegen wollen, um zu verhindern, daß die Personalabteilung im Bundesverteidigungsministerium den Militärs in die Hände falle.

Der Mann, der ohne sein Zutun in den Mittelpunkt einer Kontroverse gerückt war, die deutlicher als vieles andere sichtbar werden ließ, wie geknickt und verdruckst das Verhältnis der Deutschen zu ihren Soldaten auch noch nach zehn Jahren Bundeswehr ist, hat bei alledem die Ruhe bewahrt. Er weiß, Minister von Hassel wollte die Generalslösung schon seit einiger Zeit. Er weiß auch, daß die CDU-Wehrexperten darob in zwei Lager zerfielen. Und es ist ihm schwerlich verborgen geblieben, daß Bundeskanzler Erhard sich erst nach langem Zögern und Zaudern dazu verstand, Hassels Drängen nachzugeben, wobei der Gedanke an die bevorstehende Wahl beschleunigende Wirkung gehabt haben mag. Dennoch trat Generalmajor Werner Haag vorige Woche gelassen, seiner selbst und seiner Sache sicher, auf Bonns windiger Hardthöhe seinen Dienst als neuer Personalchef der Bundeswehr an.

Haag hat nicht das Gefühl, daß seine Amtsübernahme durch das Grundgesetz nicht gedeckt sei. Bedenken dagegen? „Man muß das auch verstehen.“ Entrüstung über jene, die sich seiner Ernennung widersetzt hatten, ist ihm so fremd wie die überschäumende Genugtuung, die manche seiner Kameraden jetzt verspüren. Auch dafür hat er im übrigen Verständnis. „Was uns empfindlich macht, sind die Vorbehalte gegen die Soldaten, die sich soviel Mühe geben.“ Daß kaum je das Beiwort „restaurativ“ fehlt, wenn von der Generalität die Rede ist. Daß „civil control“ so oft mißverstanden wird als „Kontrolle der Streitkräfte durch Zivilisten“, wo doch allein „politische Kontrolle“ die richtige Übersetzung wäre. Daß der Soldat, dem die Verteidigung seines Landes anvertraut ist, so selten mit Gnade rechnen darf, um die Verantwortung tragen zu können.

„Gnade“ – im Munde Haags klingt das Wort weder romantisch noch bombastisch. Wer sich mit dem schlanken, hochgewachsenen General unterhält, findet sehr bald heraus, daß er aller Romantik und allem Bombast abhold ist. Wohl blitzt aus seinen dunkelbraunen Augen hie und da Begeisterung. Aber es ist sachbezogene Begeisterung, ist der Enthusiasmus nicht des Ideologen, sondern der des Praktikers. Die Ideen, die er vertritt, sind an der Wirklichkeit erprobt. Und wenn er redet, komplizierte Zusammenhänge flüssig darstellend, in präziser, direkter Formulierung, dann ist gleichfalls zu spüren, daß hinter jedem Wort Erfahrung steht und Überzeugung. Für Gewäsch ist er sich zu schade.

Der erste Militär, der das Personalwesen der Bundeswehr übernommen hat, ist genau der Schlag von Offizier, den man sich auf einem solchen Posten wünscht. Beim Offizierskorps ist Werner Haag, der von 1962 bis Ende August dieses Jahres die 6. Panzergrenadierdivision in Neumünster befehligte, sehr beliebt. Bundesverteidigungsminister von Hassel schätzt ihn – desgleichen Helmut Schmidt. Der SPD-Verteidigungsexperte, der das Personalwesen ganz den Streitkräften übergeben möchte, hält zwar die jüngste Reorganisation des Ministeriums für unzureichend, doch sagte er zugleich, die späte Einsicht sei sehr zu begrüßen, daß jeweils der beste Mann an die Spitze der Personalabteilung gehöre; an der persönlichen Eignung Haags könne nicht gezweifelt werden. Mit Staatssekretär Gumbel hat er schon früher zusammengearbeitet; 1959 bis 1962 war Haag unter dem damaligen Personalchef Gumbel stellvertretender Leiter der Personalabteilung für den militärischen Bereich. Weder die Materie noch viele der Menschen, mit denen er es fortan zu tun haben wird, sind ihm also fremd.

Vor allen Dingen aber ist Generalmajor Haag ein durch und durch moderner, demokratischer Soldat, ein Reformer der – wie er selbst sagt – „anderthalben Generation“, ein Mann der Inneren Führung, dem die Ideen der Grafen Baudissin und Kielmannsegg verpflichtendes Leitbild sind. Formalausbildung? „Ich habe mir überlegt, ob ich die Formalausbildung verbieten sollte. Natürlich kann ich das nicht.“ Aber: „Mit einer Kniebeuge irgend etwas erreichen zu wollen, würde bedeuten, daß man einen sozusagen mechanisch funktionierenden Soldaten anstrebt. Ein solcher Soldat aber könnte nie die Aufgabe erfüllen, die uns gestellt ist.“ Bei der Ausbildung soll an Einsicht und Verantwortungsgefühl appelliert werden. „Ich habe die Überzeugung, daß der Mann, wenn er gefechtsfähig sein soll, viel Selbständigkeit braucht. Die Vereinzelung ist oft – beispielsweise beim Panzer, bei der Besatzung eines Funkgerätes, bei einem Nachschubfahrer – schon von Waffe und Funktion her gegeben; da müssen die Leute sich entscheiden können, müssen mitdenken.“ Dazu sollen sie schon in der Rekrutenausbildung erzogen werden.