Sein Name wird in den Presseberichten kaum genannt, doch fällt sein Schatten breit und drohend auf die besorgten Gespräche, die hinter verschlossenen Türen in Paris, Rom, Bonn, London und anderen Hauptstädten stattfinden. Denn bei der Europa-Rundreise, die der amerikanische Finanzminister Henry Fowler und sein diplomatischer Wegbegleiter, der stellvertretende Außenminister George Ball, angetreten haben, handelt es sich vor allem darum, über die Reform des internationalen Währungssystems zu verhandeln.

Jacques Leon Rueff ist einer der angesehensten, aber auch unbequemsten unter den Währungstheoretikern, die sich seit Jahr und Tag bemühen, einen Ausweg aus der schleichenden Weltwährungskrise zu finden. Seinen Einfluß verdankt er vor allem der Autorität General de Gaulles, dessen persönlicher Berater in Finanzfragen er ist, sowie dem währungspolitischen Gewicht Frankreichs, das in diesem Jahrhundert wohl noch nie so groß war wie heute.

Jacques Leon Rueff, am 23. August 1896 in Paris geboren, weiß, was eine starke Währung wert ist. Den größten Teil seines Berufslebens hat er, wenn man so sagen darf, mit der Diagnose und Chirurgie von Devisenkrankheiten verbracht.

Nach Abschluß seines Studiums an der Ecole Polytechnique und der Ecole des Sciences Politiques in Paris machte Rueff sich bald einen Namen als internationaler Währungsfachmann. Schon 1926 wurde er von Poincaré mit der Ausarbeitung von Plänen zur „Rettung des Franc“ betraut. Im Jahre 1927 wurde er in die Finanzabteilung des Völkerbundes berufen, der er drei Jahre lang angehörte. Anschließend diente er weitere drei Jahre als Finanzberater der französischen Botschaft in London.

Rueff hatte maßgeblichen Anteil an den Völkerbundaktionen, durch die in den Jahren 1927/28 die wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse in Griechenland, Bulgarien und Portugal saniert wurden. Viel beachtet wurde auch sein geschicktes Auftreten als französischer Delegierter auf der internationalen Währungskonferenz von 1936.

Vom Jahre 1934 an nahm er eine leitende Stellung im französischen Finanzministerium ein, dessen Schatzamt er in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verwaltete. Im Endstadium dieses Krieges kam die enge Verbindung zwischen dem Führer der „Freien Franzosen“, Charles de Gaulle, und seinem wirtschaftlichen Berater (seit 1944), Jacques Rueff, zustande, die alle Stürme der Nachkriegszeit überdauert hat. Unverändert scheint das Vertrauensverhältnis zu dem General, von dem bekannt ist, daß er von wirtschaftlichen Dingen nicht viel versteht, und der sich auf keinem anderen Gebiet so willig von Fachleuten beraten läßt.

Nach Kriegsende, machte sich Rueff einen international bekannten Namen durch volkswirtschaftliche Schriften, die ein stark philosophisches Gepräge trugen, darunter ein Buch über das Verhältnis von Physik und Technik einerseits sowie den Geisteswissenschaften andererseits und eine „Epitre aux Dirigistes“, in der er gegen die stark dirigistischen Strömungen der ersten Nachkriegszeit anging. Auch an der Entwicklung der Montanbehörde und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hatte Rueff bedeutenden Anteil.

Seine wirklich große Stunde schlug aber erst, als Rueff nach der Rückkehr General de Gaulles an die Macht Finanzminister Antoine Pinay dabei half, Frankreichs arg zerrüttete Finanzen wieder in Ordnung zu bringen, der Kapitalflucht ins Ausland ein Ende zu setzen und die Währung des Landes durch die Einführung des Nouveau Franc zu stabilisieren.

Bei der Sanierung des Franc im Jahre 1958 machten sich Pinay und Rueff geschickt die tiefverwurzelte Vorliebe der Franzosen für das Gold zunutze. Während bisher alle Versuche, die ansehnlichen Bestände der privaten Goldhorter zur Stärkung der Währungsreserven abzuschöpfen, am Widerstand der Besitzer gescheitert waren, legte die Regierung nun eine sogenannte „goldindexierte“ Staatsanleihe auf, die mit dem Börsenwert des „Napoleon“ (20-Franc-Goldmünze) verknüpft war.

Die Zeichner der Anleihe erhielten eine Garantie, daß ihre Papiere unter keinen Umständen einen Verlust erleiden würden, wie dies bei fast allen vorhergegangenen Staatsanleihen infolge der Franc-Entwertung der Fall gewesen war. Wenn nämlich der Preis des Napoleon über den bei der Ausgabe der Anleihe gültigen Kurs von 3600 (alten) Francs hinaussteigen sollte, so hieß es in der Ankündigung, dann sollten die Inhaber der neuen Staatspapiere eine Prämie erhalten, die dem Preisanstieg der Goldmünzen entspräche.

Praktisch bedeutete das für den Sparer eine Kombination des Vorzugs der Goldanlage mit denjenigen der Verzinsung und der Sicherheit gegen Verlust. Das leuchtete dann auch den hartgesottensten Goldhortern ein, und die im Sommer 1958 aufgelegte Staatsanleihe hatte einen durchschlagenden Erfolg. Sie führte der schon fast erschöpften Devisenreserve Frankreichs 140 Tonnen Gold zu und legte damit den Grundstock zu der heute allgemein anerkannten Stabilität des Nouveau Franc.

Als Pinay damals in einer Rundfunkansprache seine Landsleute ermahnte, „endlich dem Fetisch des sterilen Goldes zu entsagen“, lag der Akzent eindeutig auf dem Wort „steril“. Nur von dem zins- und nutzlosen Gold im Sparstrumpf oder unter der Matratze sollte sich das französische Volk abwenden, nicht aber von seiner eingefleischten Vorliebe für alles, was mit dem Gold zusammenhängt. Der Goldfetischismus blieb und ist heute mehr denn je das Kennzeichen der französischen Währungspolitik. Die von de Gaulle – auf Anraten Rueffs – vorgetragene Forderung einer allgemeinen Rückkehr zum Goldstandard; die französischen Vorschläge zur Einführung einer neuen, an das Gold gebundenen, internationalen Reservewährung (CRU); die Abneigung der Franzosen, einer neuen Weltwährungskonferenz (wie sie von den Amerikanern gewünscht wird) zuzustimmen, so lange nicht Washington und London sich bereit erklären, die Defizite ihrer Zahlungsbilanzen mit Gold auszugleichen; schließlich Rueffs Eintreten für eine Verdoppelung des Goldpreises – das alles zeugt davon, daß sich an der traditionellen Einstellung der Franzosen zum Gold als dem Wertmesser aller wirtschaftlichen Vorgänge im Grunde nichts geändert hat.

Schon vor fünf Jahren stieß Rueff seinen ersten Kassandraruf aus, dem inzwischen noch viele andere gefolgt sind. In der Nummer vom Juli 1961 des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Fortune veröffentlichte er unter der Überschrift „The West is Risking a Credit Collapse“ eine eindrucksvolle Warnung vor den Gefahren der auf dem Gold-Devisenstandard ruhenden Kreditstruktur:

„Das Land mit der Schlüsselwährung (gemeint ist vor allem die USA) befindet sich in der nur scheinbar kerngesunden Lage, seine internationalen Schulden niemals abtragen zu müssen. Das Geld, das es seinen ausländischen Gläubigern zahlt, kommt wie ein Bumerang gleich wieder zurück... es ist wie beim Spielen der Kinder, wo Sieger und Verlierer nach jeder Runde die Murmeln wieder austauschen ... das vermeintliche wunderbare Geheimnis, sich ein Defizit ohne Tränen leisten zu können ... dabei war es gerade der Zusammenbruch des Kartenhauses, das auf dem Gold-Devisenstandard aufgebaut wir, der die Depression des Jahres 1929 für Europa in eine Katastrophe verwandelte ... heute befindet sich die Welt wieder in einer ähnlichen Lage... welche die gleichen Wirkungen zeitigen könnte...“

Damals, vor fünf Jahren, wurde diesen bilderreichen Warnungen Rueffs in verantwortlichen Kreisen nur geringe Beachtung geschenkt. Inzwischen haben jedoch die schweren Goldverluste, die Amerika infolge seiner unausgeglichenen Zahlungsbilanz in den letzten Jahren hinnehmen mußte, die Kritik am Dollar und die Forderung nach einer Reform verstärkt.

Mitte April hielt der französische Finanzmann vor dem im Waldorf Astoria Hotel in New York versammelten National Industrial Conference Board einen Vortrag, in dem er die amerikanische Finanzpolitik ganz unverblümt abkanzelte – und dafür recht lebhaften Beifall erntete.

Wie schon bei früheren Gelegenheiten, schlug Rueff auch in dieser Rede vor, den Goldpreis „annähernd“ zu verdoppeln, so daß die amerikanischen Goldbestände von derzeit knapp 15 Milliarden Dollar einen Wert von rund 30 Milliarden erhalten würden. Davon sollten 13 Milliarden dazu verwendet werden, die Dollarforderungen des Auslandes in Gold abzutragen, sodaß als neue Währungsreserve rund 17 Milliarden Dollar verbleiben würden.

Nach Rueffs Vorstellungen würde mit einer so drastischen Erhöhung des Goldpreises keineswegs eine entsprechende Abwertung des Dollars verbunden sein, „denn sie könnte gleichzeitig auf alle konvertierbaren Währungen angewandt werden, so daß die Wechselkurse unverändert blieben“.

Zuletzt hat Rueff in der ersten Hälfte des August in einem Interview im Deutschlandfunk erneut für eine Abkehr von dem in Bretton Woods geschaffenen Währungssystem und die Wiedereinführung eines Goldwährungssystems plädiert. Den Gold-Devisenstandard bezeichnete er dabei als „lächerliche Karikatur einer wirklichen Währungsordnung“ und als ein „kindisches System, das niemals zu einem Fortschritt führen könne“. Rueff setzte sich damit scharf in Gegensatz zu den meisten Währungstheoretikern, die einer „milden Reform“ des Währungssystems den Vorzug geben.

Bestehen Differenzen zwischen Jacques Rueff und dem französischen Finanzminister Giscard d’Estaing in dieser Frage? Darüber ist schon viel gemunkelt worden, ohne daß sich irgendwelche konkreten Tatbestände ermitteln ließen. Daß sich Giscard d’Estaing in seinen öffentlichen Äußerungen größere Zurückhaltung auferlegt, als Rueff, versteht sich in Anbetracht seiner offiziellen Stellung von selbst. Nichts spricht jedoch bisher dafür, daß Rueff sich durch seine manchmal recht schroffen Redewendungen die Gunst des Generals, der ja selbst oft genug kein Blatt vor den Mund nimmt, verscherzt habe.

Wie hoch der Stern Rueffs in Frankreich steht, das beweist seine Aufnahme, in die Academie Francaise. Noch nie zuvor war ein Volkswirtschaftler in dieses erlauchte Gremium aufgenommen worden, das fast ausschließlich aus Vertretern der Literatur, Kunst, Philosophie besteht. Auch der 31. Sitz in der normalerweise aus 40 Mitgliedern bestehenden Akademie, der Rueff zufiel, hatte vorher einem Literaten, dem verstorbenen Dramatiker Jean Cocteau, gehört, und die Festrede bei der Einführung Rueffs wurde von André Maurois gehalten.

Im Kreis der „Unsterblichen“ – wie man in Frankreich die Mitglieder der Akademie ein wenig spöttisch nennt – wird Rueff sich vielleicht bemüßigt fühlen, seine scharfe Zunge und seine spitze Feder ein wenig abzustumpfen. Daß er sich aber ganz aus dem Schlachtgetümmel der Währungspolitik zurückziehen wird, glaubt kaum einer, der ihn kennt. Joachim Joesten