H. W., Kiel

Er zählte sich allezeit zu den „guten Deutschen“. Martin Fellenz bewies es dadurch, daß er vor dem Kriege der SS angehörte, während des Krieges in der Waffen-SS Dienst tat, nach dem Kriege zu den Freien Demokraten stieß und als Ratsherr der Stadt Schleswig Verbindungen zu den ehemaligen Gegnern in Großbritannien anknüpfte. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß er just in jenem Augenblick wegen Mordes an Zehntausenden von Juden verhaftet wurde, als er von einer Freundschaftsreise nach Großbritannien wieder in seine neue Heimatstadt zurückgekehrt war. Mitglied der FDP ist er immer noch; die Partei will den Ausgang des Gerichtsverfahrens abwarten, ehe sie etwas gegen ihn unternimmt.

Die andere Seite des Martin Fellenz, der SS-Sturmbannführer und Stabsführer bei der SS und Polizeiführer im Distrikt Krakau war und dort für die sogenannten Judenaussiedlungen verantwortlich gewesen sein soll, wird seit 14 Tagen vor dem Kieler Schwurgericht sichtbar. Dort steht der angesehene Bürger wegen Mittäterschaft am Mord von rund 45 000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus dem ehemaligen Generalgouvernement.

Martin Fellenz hatte sich schon einmal vor einem Schwurgericht wegen dieser Vorwürfe zu verantworten. Das war im November 1962. Jene Verhandlung endete am 11. Januar 1963 mit einer Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in zwei Fällen zu vier Jahren Zuchthaus. Da ihm das Gericht seine seit 1960 erlittene Untersuchungshaft anrechnete – ein immerhin ungewöhnliches Verfahren – und außerdem noch für den Rest der Strafe Bewährung in Aussicht stellte, konnte der Angeklagte als freier Mann den Gerichtssaal verlassen. Doch Fellenz erfreute sich der Freiheit nicht lange. Bald wurde er wegen eines neuen Falles, der bis dahin nicht bekannt gewesen war, erneut verhaftet. Später hob auch der Bundesgerichtshof das milde Flensburger Urteil auf und verwies den Fall zu neuer Verhandlung nach Kiel.

Martin Fellenz war, folgt man seinem Lebenslauf, ein kalter, strebsamer, von der Macht faszinierter Mensch, der – vielleicht sogar ohne sein Wollen – in die Maschinerie der Judenvernichtung hineingestoßen wurde, in der er ebenso kalt und sachlich mitwirkte. Bis ihn der Ekel packte und er sich freiwillig zur Front meldete. Er hatte damals, so sagt er heute, die „Schnauze voll“. Wenn er dann aber behauptet, er habe nie und nimmer gewußt, was mit den Juden geschehen solle, er habe geglaubt, sie sollten in die Rüstungsindustrie deportiert werden, dann klingt das unglaubwürdig. Vor allem wenn er im selben Atemzug bekennt, daß er mehr als einmal zahllose Leichen von Juden gesehen habe, die bei den Aussiedlungen erschossen worden seien. Mit den Aussiedlungen selber habe er nichts zu tun gehabt, und wenn er einmal dort gewesen sei, dann nur als Beobachter.

Fellenz war auch ein musikalischer Mensch. Nach einer abgebrochenen Banklehre wurde er Pianist, in seinem Geburtsort Duisburg war er Mitglied der Jägerkapelle, 1931 kam er zur Operettenbühne nach Duisburg-Hamborn. Er war erster Kapellmeister, dirigierte Operettenaufführungen und heiratete eine Schauspielerin. Ein fast unbürgerlicher, ein unmilitärischer Lebensweg – bis er mit der NSDAP und auch mit der SS in Berührung kam. 1933 wurde er dann ein kleiner Schreiber bei der SS-Standarte 75, avancierte, kam während des Krieges zu Polizeieinheiten, wieder zur SS und im Juni 1941 als Stabsführer zum SS- und Polizeiführer im Distrikt Krakau. Und hier begann 1942, im Frühsommer, jene „Arbeit“, die ihn jetzt vor das Schwurgericht brachte. Daß er diese „Arbeit“ ganz tat, zeigen seine Dienstleistungszeugnisse: „Straffe soldatische Erscheinung mit guten Umgangsformen. Unermüdlich und mitreißend im Einsatz. Er versteht es, sich in jeder Weise durchzusetzen.“

Dieser Martin Fellenz war vielseitig. Er betätigte sich in jenen Jahren als Turnierreiter und komponierte einen SS-Treuemarsch. Den Weg zu deutschem Lied und deutschem Sang fand er auch nach dem Kriege wieder – als Kreischorleiter. Ihn plagten keine Erinnerungen. Vergessen war Krakau, vergessen waren die Toten von Tarnow, Przemysl, Reichshof, Michalowice. Bis zu diesem Prozeß, in dem das Grauen noch einmal lebendig wird, das Grauen, an dem Martin Fellenz, der „gute Deutsche“, teilhatte.