Als Dr. Karel Sláma, ein tschechischer Wissenschaftler, vor einem Jahr an die Harvard-Universität nach Cambridge (Massachusetts) kam, um dort seine entomologischen Arbeiten fortzusetzen, brachte er Insekten mit, die er viele Jahre lang in seiner Heimat studiert hatte: Pyrrhocoris apterus, die in europäischen Wäldern lebende schwarz-rote Feuerwanze – im Volksmund „Soldat“ oder „Franzose“ genannt.

Sláma wollte seine Studienobjekte in Amerika weiterzüchten, doch zu seinem großen Erstaunen stieß dies auf Schwierigkeiten: Die rund 1500 Larven, die in Cambridge den Wanzeneiern entschlüpft waren, wuchsen nicht zu geschlechtsreifen Tieren heran. Die letzte Metamorphose in ihrer normalerweise fünfstufigen Entwicklung trat nicht ein. Statt dessen wuchsen sie als Larven weiter, erreichten in diesem Zustand eine ungewöhnliche Größe und starben schließlich, ohne je reproduktionsfähig gewesen zu sein.

Der Forscher hatte just diese Entwicklungshemmung der Tiere in früheren Experimenten oft künstlich herbeigeführt, und zwar mit einem aus jungen Feuerwanzenlarven extrahierten „Jugendhormon“. Um so verblüffter war er nun darüber, daß sich die Blockierung der Reife plötzlich von selbst einstellte. Derartiges hatte Sláma in Europa nie beobachtet.

Was konnte der Grund dafür sein? Nach längerem Suchen fand er ihn heraus: Die Töpfe, in denen die Insekten aufgezogen wurden, waren mit Papier ausgelegt. Als Sláma es entfernte, entwickelten sich wieder geschlechtsreife Tiere.

Offenbar befand sich in dem Papier ein Stoff, der auf die Feuerwanze die gleiche Wirkung ausübte wie das Hemmhormon, das die Wanzenlarve während ihrer ersten Entwicklungsstufen selbst produziert, um eine Frühreife zu verhindern. Freilich hatte der Entomologe bei seinen Feuerwanzen-Experimenten in Prag auch stets Papierunterlagen in den Bruttöpfen verwendet, und das hatte keine Entwicklungshemmung der Insekten zur Folge gehabt. Sollte es sich hier um eine spezielle Eigenschaft des amerikanischen Papiers handeln?

In der Tat stellten Sláma und sein Abteilungschef Professor Carroll M. Williams bei 18 von 20 verschiedenen amerikanischen Papiersorten eine solche Hormonaktivität fest. Besonders wirksam waren Schnipsel von der New York Times, dem Wall Street Journal und den beiden Wissenschaftszeitschriften Science und Scientific American. Hingegen hatten europäische Zeitungen wie London Times oder die Wissenschaftszeitschrift Nature keinen Einfluß auf die Feuerwanzen.

Die beiden Wissenschaftler machten sich nun daran, das Holz von sieben nordamerikanischen Baumarten zu untersuchen, das in den USA vornehmlich zu Papier verarbeitet wird. Die Brutstätten der Insekten wurden mit Sägemehl aus diesen Hölzern bestreut, und dabei zeigte sich, daß vier Baumsorten den Entwicklungshemmstoff enthielten: die Balsamtanne, die amerikanische Lärche, die Eibe und die Schierlingstanne.

Mit Lösungsmitteln wie Azeton und Alkohol gelang es Sláma und Williams, aus Papierhandtüchern und alten Zeitungen den Wirkstoff zu isolieren, der sich als hitzebeständig und wasserunlöslich erwies, jedoch in Fett gelöst werden kann. „Diese Substanz ist unvorstellbar aktiv“, schreiben die beiden Forscher in ihrem Bericht, der jetzt in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschien, „zehn Gramm davon würden genügen, die Fortpflanzungsfähigkeit von etwa einer Milliarde Feuerwanzen zu verhindern und auf diese Weise die Insekten auszurotten.“

Von den in den USA heimischen Insektenarten, die daraufhin in Cambridge getestet wurden, sprach bislang keine auf jenen Wirkstoff an. Doch Sláma und Williams vermuten, daß damit eine Reihe von außeramerikanischen Insektenarten, die mit der Feuerwanze verwandt sind, an der Geschlechtsreifung gehindert werden könnte. Zu diesen gehören auch Schädlinge, zum Beispiel Dysdercus Cingulatus, eine Spezies, die die ostasiatische Baumwollpest hervorruft. Es würde sich nach Meinung der beiden Gelehrten durchaus lohnen, die Wirkung des von ihnen isolierten Stoffes auf diese Schmarotzer zu erproben. Denn falls er sie ebenfalls reproduktionsunfähig machen würde, dann wäre damit ein für Mensch, Vieh und nützliche Insekten ungefährliches, artspezifisches Bekämpfungsmittel gegeben. Hinzu käme, daß der „Rohstoff“ für dieses Mittel – alte amerikanische Zeitungen und Zeitschriften – überreichlich vorhanden wäre.

Warum produzieren manche Bäume einen Stoff, der in gleicher Weise wirksam ist, wie das im Kopf der Feuerwanze von zwei Drüsen hergestellte Hormon? Sláma und Williams glauben, es handle sich hierbei um ein „biochemisches Relikt“. Vermutlich sind speziell diese Baumarten in früherer Zeit von Insekten befallen worden, gegen die sie sich mit der hormonähnlichen Substanz zur Wehr setzten – mit Erfolg offenbar, denn jene Schmarotzer sind längst ausgestorben. „Es mag durchaus sein“, folgern die beiden Entomologen, „daß viele Pflanzen derartige ursprünglich gegen bestimmte Insekten gerichtete Hemmstoffe produzieren, deren Existenz bisher nur deshalb nicht nachgewiesen werden konnte, weil man solche Pflanzen noch nicht mit Insekten aus fremden Kontinenten in Berührung gebracht hat.“ Aus Slámas Zufallsentdeckung könnte sich also ein neuer Weg zur Schädlingsbekämpfung ergeben. –ow