Porträt: Ferry von Berglies

Als der damalige Staatssekretär mit Kabinettssitz im Ministerium für Wirtschaft und Verkehr des Landes Rheinland Pfalz, Ferry von Berghes, im Jahre 1962 da s Erbe des gerade verstorbenen Generaldirektors der Deutsche Erdöl-AG, Hamburg, antrat, wird er kaum geahnt haben, in welchem Maße das Schicksal der Gesellschaft dereinst von seinen diplomatischen politischen Fähigkeiten abhängen würde.

Natürlich waren ihm, der nach dem Kriege zunächst die Bewirtschaftung des in der Eifel gelegenen Waldgutes seiner Familie übernommen hatte, das Öl- und Kohlegeschäft nicht unbekannt. Seine Familie ist schon seit vier Generationen mit der DEA verbunden, durch Aktienbesitz sowie durch Aufsichtsratsposten in der Gesellschaft. Der heute 55jährige war, bevor er Generaldirektor (oder korrekt: Vorsitzender des Vorstandes) wurde, seit 1939 DEA-Aufsichtsratsmitglied und zuletzt stellvertretender Vorsitzender dieses Gremiums.

Seine bisherigen Amtsjahre bei der DEA verliefen alles andere als erfreulich, und wenn nicht alles täuscht, werden es die nächsten ebensowenig sein. Die deutsche Mineralölindustrie befindet sich in einer Krise, die bei den einen Gesellschaften vorerst weniger, aber den anderen deutlicher sichtbar geworden ist. Das nicht überhörbare Alarmzeichen war die Senkung der DEA-Dividende für 1964 von 10 auf 6 Prozent. Nichts wäre unsinniger, als dafür allein das DEA-Management verantwortlich zu machen, obwohl seine Entscheidungen nicht von allen als „glückhaft“ bezeichnet wurden.

Das mißglückte Bohrabenteuer in Syrien, das der DEA mehr als 50 Millionen Mark Verlust eingetragen haben dürfte, sowie der Entschluß, die Rheinpreußen AG von der Familie Haniel zu erwerben, geht ebensowenig auf das Konto des jetzigen Generaldirektors wie der Vertrag, der es der Familie Haniel erlaubte, für ihren 50prozentigen Anteil an der Rheinpreußen GmbH (hierin ist das Rheinpreußen-Tankstellennetz zusammengefaßt) einen Preis zu verlangen, der selbst in Fachkreisen einiges Kopfschütteln erregte. Aber immerhin war Ferry von Berghes, als diese Dinge geschahen, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.

Was die DEA-Aktionäre ihrer Verwaltung zu Recht ankreideten, ist ein nicht eingehaltenes Dividendenversprechen. Im Mai 1964, kurz nach einer Kapitalerhöhung, hatte Ferry von Berghes noch auf einer Pressekonferenz erklärt, die Gesellschaft würde auch auf das erhöhte Kapital wieder 10 Prozent ausschütten können. Im November hieß es aber bereits, eine Senkung der Dividende werde sich nicht vermeiden lassen. Ferry von Berghes war auf der letzten DEA-Hauptversammlung ehrlich genug zu erklären, daß vom Vorstand die Marktentwicklung nicht richtig beurteilt worden war. Er nahm mit dieser Offenheit, die in deutschen Unternehmerkreisen nur selten zu finden ist – aber offensichtlich ein Charakterzug des DEA-Chefs –, der Opposition viel von dem Wind aus den Segeln, mit dem sie der DEA-Verwaltung einen stürmischen Tag bereiten wollte.

Wer regelmäßig die Bilanzpressekonferenzen der DEA besucht hat, konnte unschwer zweierlei feststellen: Mit Ferry von Berghes Einzug in den Vorstand wurde ein wichtiger Schritt in Richtung auf eine vernünftige Unternehmenspublizität getan. Die bis dahin oftmals belustigende, der DEA aber schädliche Geheimniskrämerei, gepaart mit einer manchmal souveränen Mißachtung der Presse, wird nach und nach abgebaut. Aber es dürfte noch lange dauern, bis es auch die DEA gegelernt haben wird, daß ein modernes Unternehmen, namentlich wenn es die Hilfe des Staates in Anspruch nehmen will, ohne eine erstklassige public relations nicht auskommt.