Ei, da haben wir aber in der vorigen Woche Englands musikalische Jugend von zwei verschiedenen Seiten kennengelernt! Am Montag waren die „Rolling Stones“ in Hamburg zu hören, am Dienstag gastierte das „National Youth Orchestra of Great Britain“. Was die einen am Montag anrichteten, machten die anderen am Dienstag wieder gut.

Wieso denn das?

Ganz einfach: Nach den Sensationen des Montags hörte und las man in Hamburg, daß die „Jugend von heute“ wenig tauge, die englische noch weniger als die deutsche. Aber bereits am Dienstagabend hoben sich wieder die Köpfe: Die junge Generation ist wunderbar, sintemal die englische!

Die fünf „Rollenden Steine“ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den „Beatles“, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.

Die Schlagersänger haben sich längst heiser geschrien. Was, wenn ihre Stimmen endgültig zum Teufel gehen? Keine Sorge. Denn viel wichtiger als die Beherrschung der Stimmbänder ist die Beherrschung der Mikrophone und der Lautsprecher. Was aber ihr wichtigstes „Kunstmittel“, nämlich den kehlkopfzerstörenden, nervenzerfetzenden Schrei betrifft, so kann man in Christiane Ehrhardts „Die Beatles – Fabelwesen unserer Zeit?“, eine Schrift aus der Reihe „Aktuelle Taschenbücher“ des Tucher-Verlags, Diessen (Ammersee), die psychologische Erläuterung finden: „Der Schrei stößt tief in die Seele hinab und erregt das Gemüt. Der Hörende wird zum Betroffenen. Der Betroffene ist aufgestört, wird unsicher und ratlos. Wer schreit, will entweder terrorisieren oder braucht Hilfe. In jedem Falle wird der, der den Schrei vernommen hat, aus seiner Ruhe aufgescheucht. Jetzt muß man doch etwas tun ...“

Und sie taten etwas, die Zuhörer der „Rolling Stones“. In der Umgebung der Hamburger Ernst-Merck-Halle sah der Berichterstatter des Hamburger Abendblattes: „Scherben, Trümmer, demolierte Autos“ und schrieb den Satz: „Wie ein Unwetter gingen die ‚Rolling Stones‘ über Hamburg hinweg.“ Polizei her! Wasserwerfer! Sanitäter! Vorsicht, rollender Steinschlag! Drinnen aber, in der Halle, hatte er zwei Szenen gesehen: „Ein junges Mädchen vergießt Ströme von Tränen, die sie sich mit der langen Mähne abwischt.“ Und: „Ein junger Mann beginnt sich auszuziehen ... Nun haut er sich mit den Schuhen wie besessen an die Schläfen.“

Hatte die Polizei das Unwetter vorausgesehen, so sollte man dies wohl auch von den Leuten erwarten dürfen, die eine der „modernen“ Jugend gewidmete Zeitschrift herausgeben und redigieren. Zitat aus dem Abendblatt über die Ankunft der Rolling Stones: „... wir fuhren einigermaßen unangefochten zum Verlagshaus Axel Springer, wo ‚BRAVO‘ einen Empfang arrangierte.“