Es könnten, von einem aparten Rasensprenger benetzt, die Rhododendren in S. Fischers Garten sein; aber genausogut die von Emailletäfelchen gekrönten Schubladen des Aktenschranks, drinnen im Hause, zur Rechten der Freitreppenfront.

Es könnten, wollte ich in einem imaginären Atlas Lokalitäten beschwören, die ich nicht nur angeschaut, sondern, mit einem bescheidenen Malte-Blick, erkannt zu haben glaube, die sommerlichen Lichter, Schatten und Reflexe der Leopoldstraße oder, an einem Juni-Tag im Park, die grünspansilbernen Bayreuther Teichspiegel sein. Oder die Reguliersgracht im Herbst; ein dickes Mädchen kämmt ihre rotblonde Puppe; oder der Messinggong zwischen Recklinghausen und Herne: eine stumpfe Scheibe, halb Sonne, halb Mond, über Halden, Fördertürmen und rußigen Häusern. Oder die Zuckerbäckerstraße im Puschlav, Mozart in Graubünden, maurische Schnörkel; das Sprechgitter in Pfullingen, zwischen Gräbern und Rosen; die violette Traurigkeit dänischer Schlösser: ein Hauch von Wahnsinn über akkurat verschneiten französischen Parks; ein brüllender König, Hamlets Tänzerschritt, Bierdunst und Melancholie. Oder das Elternhaus in Eppendorf; Kohldunst und noch immer die gleichen Riffelscheiben und Briefkastenschlitze wie damals; die gleichen Namen, Bothe, Franz, Zanoni, wie vor einem Vierteljahrhundert. Oder Kampen im Sommer: der Stechwind auf den Lidern, Reth, Heckenrosen und Badewäsche, weiße Häuser, die an Stormsche Feste erinnern; in der Dämmerung die Silhouetten zierlicher Boote, chinazart und kokett; und nachts über den Zotteldächern und Leuchtturmfeuern, den Kapitänskaten und Schiffslaternen die Schrift: ECHO I. Oder das Spitzweg-Filigran, Fachwerk und Dienst, vom Bebenhausener Kloster; die schwäbische Luna, sehr sanft, sehr poetisch, sehr unsentimental.

Aber zum Atlas gehört auch die nächtliche Straße, hell und menschenleer, von der ich nicht weiß, ob ich sie, durch pendelnde Laternen erhellt, von einem Schlafwagenzug aus oder – im Film sah. Zum Atlas gehört das Lübeck Thomas Manns, dominus providebit, das Davos der Herren Krokowski und Behrens und Kierkegaards jütische Heide; zum Atlas gehört, Tschinellen, Ziehbrunnen und zirpende Grillen, das alte Österreich des Joseph Roth, das Kronland zwischen Sipolje und Zlotogrod.

Im Zentrum des Atlanten aber liegt das Sanatorium, ein alter Klosterhof, der mit der Zeit gegangen ist: Schon 1017 im Salbuch bayerischer Mönche genannt, erlebte er Anno 1147, unter der Ägide des Bruders Werinher von Tegernsee, die festliche Premiere des „Antichrist“-Spiels. Der Kaiser selber, zum Kreuzzug bereit, gab dem Drama die Ehre; hinter der Bühne sah man See und Gebirge; Ritter und geistliche Herren hatten sich auf dem Abhang niedergelassen, die langhaarigen Tegernseer, Oberammergauer des Mittelalters, die sich Haar und Bart wachsen ließen, agierten vortrefflich.

Tempi passati. Sieben Jahrhunderte später, während der Regentschaft Max I., sah sich das mönchische Mustergut in eine ländliche Bier- und Kaffeewirtschaft verwandelt, in einstmals frommen Bezirken übte sich eine Feuerschützengesellschaft, und, um das Maß voll zu machen, wurde im Jahre 1861 bei Gelegenheit des Haberfeldtreibens (eines uralten Rügegerichts) unmittelbar hinterm Hofe ein Polizist namens Christi erschossen. Das war zur gleichen Zeit, als Korbinian Essendorfer von Helfendorf das einst so wohl gepflegte Anwesen herunterkommen ließ – die Chronik weiß von Raubbau zu berichten, den er mit dem Walde trieb, von Tagedieberei und Kerkerhaft. Das Gut „kam auf die Gant“, die Sommerwirtschaft wurde aufgelassen; der Brauereibesitzer Pschorr verwandelte den Hof in einen Herrensitz. Man legte Wege an, installierte ein Badegemach und modernisierte, mit Hilfe eines Wasserleitungsnetzes, den bäuerlichen Betrieb. (137,30 Tagwerk groß. Beweidung der Geißalpe von Anfang Juni bis Ende September.)

Später, nach dem Tode des Geheimrats Pschorr, verkaufte die Erbengemeinschaft das Anwesen an die Metallgesellschaft in Frankfurt am Main, die hier im Bayerischen ein Ferienheim aufmachen wollte, daran jedoch vom Krieg gehindert wurde und deshalb im Jahre 1952 um so weniger zögerte, Haus und Hof zu veräußern, als große Waldbestände in der Notzeit ausgeholzt und verkauft, die Gartenanlagen von Flüchtlingsfamilien parzelliert und die Parklandschaften durch kleine Werkstättchen verwüstet worden waren, in denen – so die Chronik – die Vertriebenen das gestohlene Holz verarbeitet hatten.

Nun, der neue Besitzer ließ sich nicht schrecken: Den Flüchtlingsfamilien bessere Domizile verschaffend, errichtete er auf dem Gutshof eine Geflügelfarm mit vierhundert Hühnern und dreihundert Enten, machte aus dem alten Weiher einen kleinen swimming pool und verwandelte Klosterhof, Sommerwirtschaft und Herrensitz in ein modernes Sanatorium. Mein Sanatorium.