Der Tag von Stockholm war grau und nebelig. Die Zuschauer aus Deutschland zogen heran. Die Kungsgatan, Prachtstraße der schwedischen Hauptstadt, sah das Vorspiel, sah Schwarz-Rot-Gold. Jung-Schweden fühlte sich provoziert. Das erste „Heja-heja!“ klang auf. Im Hotel Foresta, im vornehmen Stadtteil Lidingö, hatte die deutsche Mannschaft ihr Lager aufgeschlagen. Die letzten Meldungen aus diesem Lager hatten den Charakter von Wehrmachtsberichten. Das offizielle Bulletin verkündete:

„Die deutschen Spieler wurden um neun Uhr geweckt: Sammlung zum Frühstück um 9.30 Uhr. Kein gemeinsames Essen vorgesehen. Steak am liebsten, aber auch viele Spiegeleier mit Schinken und Rühreier mit Schinken. Danach Spielersitzung mit Spielern. Dauerte ungefähr 40 Minuten. 11.45 Uhr Abfahrt mit Bus nach Solna. Es wird definitiv keine Änderungen geben.“

Die Schweden, so erfuhr man, waren eher aufgestanden: um acht Uhr.

„Vier zwo vier“ heißt die neue Zauberformel im Fußball. Vier zwo vier spielten beide Mannschaften. Das „safety first“, das mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung eines erzielten oder verfehlten Tores auch den Sport erobert hat, diktiert den Trainern die Defensivtaktik. Aus ehemals fünf Stürmern sind vier geworden. Der fünfte hat sich ins zweite Glied zurückgezogen, Pendler zwischen Abwehr und Angriff.

Und da waren’s nur noch drei. Bei den Deutschen nämlich. Denn außer Horst Szymaniak, nur auf dem Papier ein Stürmer, auf dem Rasen aber ausschließlich im Mittelfeld tätig, zogen sich auch Peter Grosser oder Werner Krämer zurück, verstärkten die eigene Deckung und ließen keinen Zweifel am Sinn dieser Taktik: Wir müssen nicht gewinnen. Wir dürfen nur nicht verlieren. Ein Unentschieden nämlich hätte den Deutschen die Chance eines dritten Spieles. auf neutralem Boden – in London – gelassen.

44 Minuten lang stimmte die Rechnung. Die schwedischen Spieler, verbissen anstürmend, fanden kein Loch in der deutschen Abwehrmauer, bis Torwart Hans Tilkowski, einen hohen Flankenball verfehlte und Jonsson die Chance zum 1:0 gab. Ein Taumel der Begeisterung erfüllte das Rasunda-Stadion. Aber Krämer aus Meiderich glich noch in der gleichen Minute aus. Sekunden später bat Mr. Dagnall, der englische Schiedsrichter, zum Pausentee.

Nach der Pause endlich spielte die deutsche Elf. Sie spielte. Szymaniak wurde zum Mittelfeldstrategen. In der 54. Minute nutzte Uwe Seeler einen Fehler des schwedischen Torwarts. Ein „Abstaubertor“, wie man in Fachkreisen sagt. Und schließlich: Eine ganze Halbzeitlang war dieser Mann ein Schwerstarbeiter, dem die Kollegen immer noch ein paar Steine aufbürdeten. Ein Rackerer, ein Schufter ohne all jenen Glanz, der aus ihm „uns Uwe“ machte, nationaler Besitz des deutschen Fußballs.