Er glaubt, Vera Brühne entlasten zu können – Abrechnung unter Waffenhändlern

Von Peter Stähle

Bonn,

Nächste Woche wirst Du tot sein. Auf bald. Dein Mörder.“ Ein Brief solch bedrohlichen Inhalts lag im Sommer 1961 im Briefkasten des Münchner Waffenhändlers Hans Joachim Seidenschnur. Unterzeichnet war die Mordankündigung mit einer „Roten Hand“, dem Symbol jene: unbekannt gebliebenen, mutmaßlich nationalfranzösischen Feme-Gruppe, die jahrelang in der Schweiz und in der Bundesrepublik mehrere Attentate verübte. Zielscheibe waren deutsche Waffenhändler, von denen angenommen wurde, daß sie Maschinenpistolen, Munition und Sprengstoff nach Algerien, an die Aufständischen der FLN, geliefert hatten.

Seidenschnur hatte kurz vor der brieflicher Todesdrohung die Leitung der deutschen Niederlassung des größten Waffenhandelskonzerns der Welt übernommen, der International Armamem Corporation (Interarmco) des damals 34 Jahre alten Amerikaners Samuel Cummings, der ein Netz von zwei Dutzend Waffenfirmen rund um den Erdball gelegt hatte. Cummings deutschen Repräsentant Seidenschnur ließ sich in München unter Polizeischutz stellen, ein Attentat blieb aus;

Wenig später, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961, machte Seidenschnur noch einmal von sich reden. Seine „Westdeutsche Interarmco GmbH“ handelte der DDR 220 000 alte Wehrmachtkarabiner des legendären Typs 98 K für über eine Million Mark ab. Dann wurde es still um Seidenschnur.

Jetzt, genau vier Jahre später, taucht sein Name wieder in den Schlagzeilen auf. Der 54jährige Seidenschnur, nun als „ehemaliger Waffenhändler“ bezeichnet, glaubt nachweisen zu können, daß der an Ostern 1960 ermordete Arzt Dr. Otto Praun an internationalen Waffengeschäften beteiligt war und möglicherweise von enttäuschten Geschäftspartnern „ausgeschaltet“ wurde. Das Auftauchen von Seidenschnur ist von besonderer Aktualität: Am 18. Oktober entscheidet eine Beschlußkammer des Landgerichts München endgültig darüber, ob das Verfahren gegen Vera Brühne und Johann Ferbach in allen Punkten wiederaufgenommen werden soll.