Von Wolfgang Vogel

Es war am 30. September 1955. Die Sonne stand tief über dem westlichen Horizont der wüstenähnlichen Landschaft zwischen den Städten Los Angeles und Salinas im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien, als auf der Bundesstraße 466 bei Paso Robles kurz nach 17 Uhr ein silbergrauer Rennsportwagen frontal mit einem Ford zusammenstieß, der nach links abbiegen wollte. Der Fahrer des Porsche-Spider war sofort tot. Sein Name: James Dean; sein Beruf: Schauspieler; sein Erfolg: Massenidol.

Traurigkeit überzog das Land von Küste zu Küste: James Dean war tot. Die Lehrer in den High Schools und Colleges beobachteten eine allgemeine Apathie unter ihren Schülern, einen gewissen Fatalismus und rapide sinkende Leistungen. Die Selbstmordziffer unter Halbwüchsigen stieg beängstigend und rief die Psychiater auf den Plan, die zu ihrer Überraschung feststellen mußten, daß 65 Prozent der Selbstmorde direkt oder indirekt vom Tode James Deans inspiriert waren. „Jimmy ist tot, was hat mein Leben denn da noch für einen Sinn“, begann der Abschiedsbrief einer Sechzehnjährigen an ihre fassungslosen Eltern, und „Ihr habt mich nie verstanden!“

Hier war im dumpfen Aufprall der Wagen ein Mythos zur Legende geronnen, der Mythos von der unverstandenen, der rebellierenden jungen Generation. Er hatte eine jähe Heiligung erfahren. Denn, das ist das Frappierende, James Dean wurde zwar begraben, aber er lebte weiter: „Wenn sie aus der stickigen Finsternis und der verbrauchten Luft der zweit-, dritt- und viertklassigen Kinos herausströmten, in denen sie James Deans alte Filme gesehen hatten, stellten sie sich noch immer in Reih und Glied vor den Spiegeln auf, um sich zu betrachten, und da sahen sie James Dean: den trotzigen Haarschopf, die dunklen in Einsamkeit versunkenen Augen, die bittere Besiegtenmiene, die Verachtung auf den Lippen – jeder ein gottverdammter Narziß, ein kleiner James Dean.“ So beschrieb John Dos Passos die Folgen James Deans in seinem Roman „Jahrhundertmitte“.

Was nachgeahmt wurde, war eine Attitüde. Es begann bei der Kleidung und endete bei den Gefühlen. In den USA und in Europa produzierte die Dean-Welle der ersten Jahre jenen Typ des Jugendlichen, für den die Bezeichnung „Halbstarker“ eine höchst unvollkommene Beschreibung war. Neben der Frisur, Dean-typischen Gesten, verwaschenen Jeans und halblangen Windjacken aus Leder, wie er sie immer getragen hatte, übernahmen die jungen Leute vor allem die aggressive Haltung gegenüber der Welt der Erwachsenen.

Weil dieser Aufstand den Emotionen verhaftet war, hat er nur hinweisenden Charakter. Er veränderte nichts. Indem die jungen Leute sich unverstanden gaben, vollzog sich ihr sogenannter „Protest“ in letztlich für die Gesellschaft ungefährlichen Bahnen. Dies ist das Verhaltensmuster, das sich von der ersten Dean-Welle in die zweite hinübergerettet hat. Zwar haben sich die äußeren Formen gewandelt, aber die Gefühle sind die gleichen geblieben. Das macht das Idol James Dean auch für die heutige junge Generation interessant.

Es scheint, daß sich zwischen 1955 und 1965 nichts geändert hat. Laut den Statistiken des Verleihs haben in diesem Zeitraum 14,3 Millionen allein in der Bundesrepublik die Filme „Jenseits von Eden“, „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten besucht. Man stelle sich ein beliebiges Filmtheater in einer beliebigen deutschen Stadt vor, man wird vor den jugendlichen Besuchern eines Dean-Films etwa folgende Antworten erhalten: „Ich finde ihn Schau! – Er spielt so echt, wie aus dem richtigen Leben! – Ihm geht es wie mir! – Ich finde ihn sehr innerlich! – Er tut immer das, was er will, nicht das, was man von ihm will! – Er ist so richtig ein Vorbild für uns! – Mir ist er sehr zu Herzen gegangen! – Er könnte mein Bruder sein!“